Niklas Süle und die Angst der Männer
Niklas Süles Körper ist längst kein privater mehr. Er dient der Öffentlichkeit als Bühne, auf der sich zeigt, wie fragil das Ideal des starken, kontrollierten Mannes geworden ist. Sein Fall legt offen, wie sich hegemoniale Männlichkeit durch Abwertung, Disziplin und Körperlesarten immer wieder neu stabilisiert.
Kaum irgendwo anders tritt der Körper so exponiert hervor wie im Profisport – und an kaum einem Ort wird strenger über ihn geurteilt. Während Frauenkörper historisch über Besitz und Kontrolle reguliert wurden, unterliegen gerade junge Männerkörper primär einer Leistungs- und Disziplinierungslogik, die in der eigenen Gruppe abgesichert wird. Forciert wird ein Normierungsdruck, der sich tarnt, indem er sich als naturgegeben versteht. Der Athletenkörper soll Kraft ausstrahlen, aber keine Schwere; Disziplin, aber keine Mühe; Präsenz, aber keine Verletzlichkeit.
Der Körper als Witz
Deshalb genügt im August 2025 eine einzige Schlagzeile der deutschen Boulevardzeitung Sportbild, um diese Dynamik in grotesker Klarheit sichtbar zu machen. Groß prangte auf der Internetseite: „Neue BVB-Küche kostete ELF Millionen Euro!“. Gemeint ist der Traditionsverein Borussia Dortmund, der seine in die Jahre gekommene Zentralküche im größten deutschen Fußballstadion, dem Westfalenstadion (offiziell: „Signal Iduna Park“), zu erneuern plant. Grundsätzlich eine banale Infrastrukturmaßnahme, die nur aufgrund des klaffenden Sommerlochs überhaupt von Interesse ist.
Mit dem Moment, in dem die Meldung in den sozialen Medien zirkuliert, verschiebt sich der Fokus abrupt: Die Infrastruktur verschwindet aus dem Blick, stattdessen tritt ein Körper an ihre Stelle. Denn in den Kommentarspalten wird nicht über die neue Küche diskutiert, sondern darüber, wer hier durch die Blume mitgemeint sein könnte: „Da freut sich der Süle aber“; „Ist die Küche für Süles Burger, oder was?“; „Super, dann wird Süle noch fetter“.
Gemeint ist Niklas Süle, Innenverteidiger von Borussia Dortmund. Er ist ein Hüne von 1,95 Metern, dessen Präsenz auf dem Platz kaum zu übersehen ist – eine Größe, die für Fußballer selten ist, im immer athletischeren Sport jedoch zunehmend an Bedeutung gewinnt. Doch an Süles Körper haftet längst eine Bedeutung, die sich tief in die öffentliche Wahrnehmung eingeschrieben hat. Denn mit rund 100 Kilogramm gilt er gemeinhin als „übergewichtig“ – eine Zuschreibung, die ihn bereits seit seinem Karrierebeginn in der Bundesliga 2013 begleitet. Ob seine Leistungsdaten darunter leiden oder seine sportliche Funktion davon berührt wird, scheint dabei nebensächlich: Der Körper selbst ist der Witz. Und der kursiert nicht nur unter Experten. Alle wollen ihn erzählen . Was als „fit“ gilt, entscheidet schließlich nicht nur die Sportwissenschaft, sondern auch die kulturelle Fantasie.
Hegemoniale Männlichkeit
Dass Süle so zuverlässig zur Zielscheibe körperlicher Abwertung wird, ist kein Zufall. Bereits 1993 beschreibt Raewyn Connell in Masculinities den Sport als historisch produzierten Raum, in dem Männlichkeit über Disziplin, Kontrolle und Hierarchie organisiert wird. Der männliche Körper fungiert hier als Prüfstein: Er soll verfügbar, formbar und leistungsbereit sein. In ihm verdichtet sich, was Connell hegemoniale Männlichkeit nennt; ein Ideal, das sich nur behaupten kann, indem es Abweichung markiert und sanktioniert.
Entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass die Häme gegenüber Süle überwiegend von Männern ausgeht: Patriarchat und hegemoniale Männlichkeit funktionieren hier im Zusammenspiel – als übergeordnete Ordnung, die Privilegien verspricht, und als inneres Disziplinierungssystem, das Männer anhält, diese Ordnung aneinander selbst zu vollziehen. In dieser Logik erscheint der Athletenkörper als zeitgenössische Fortsetzung des Kriegerkörpers – genauer: als Figur des Gladiators. Er tritt an, wird ausgestellt, geprüft und beurteilt; sein Körper steht öffentlich zur Disposition. George Orwell hat diese Verschiebung bereits 1945 prägnant gefasst, als er Spitzensport als „Krieg ohne Schießerei“ beschrieb: als ritualisierte Austragung von Konflikt, in der Aggression und Opferbereitschaft symbolisch verhandelt werden.
Der Blick der Zuschauenden folgt dabei einer Logik, die an das antike pollice verso erinnert: jenes aus den römischen Gladiatorenkämpfen bekannte Daumenzeichen, mit dem das Publikum symbolisch über Leben oder Tod entschied: Zustimmung oder Verachtung, Aufwertung oder Fall. Dass Süle in dieser Arena immer wieder „verliert“, hat weniger mit seinen Leistungen zu tun als mit der Lesbarkeit seines Körpers. Er entzieht sich der Fantasie des vollständig disziplinierten, opferbereiten Kämpfers. Und wird gerade deshalb zum Objekt von Häme.
Last der Femininität
An diesem Punkt verschiebt sich der Blick vom einzelnen Körper auf die Struktur dahinter. Connell unterscheidet jenseits des hegemonialen Ideals drei weitere Positionierungen: die komplizenhafte, die marginalisierte und die untergeordnete Männlichkeit. Als weißer, großer, gut bezahlter Profifußballer verkörpert Süle jene Nähe zum Zentrum der Macht, die Connell als Komplizenschaft beschreibt. Komplizen ist es möglich, vom Ideal zu profitieren, ohne es vollständig verkörpern zu müssen. Gleichzeitig genügt eine einzige unvorteilhafte Aufnahme von Süles Körper, um ihn aus dieser Nähe herauszudrängen. Sobald sein Körper als „weich“ gelesen wird, etwa in Momenten, in denen sich das Trikot über seine Rundungen legt oder ein Sprint schwerfälliger scheint, rutscht Süle in die Kategorie der untergeordneten Männlichkeiten. Ihnen hängt die Last der Femininität an, ein Zustand, der Maskulinität im archaisch-universellen Ideal sofort ausschließt. Patriarchale Strukturen wirken eben nicht nur in die eine Richtung.
Genau hier entsteht ein paradoxer Zwischenraum: Süles Komplizenschaft verdeckt auf den ersten Blick, wie stark solche feminisierenden Zuschreibungen wirken. Doch die Abwertung bleibt bestehen. Süle befindet sich dabei nicht im Zentrum der Macht selbst, sondern in deren unmittelbarer Nähe: als ausführender Körper, nicht als ordnende Instanz. Gerade diese Nähe verschärft den Mechanismus, denn je sichtbarer ein Körper für das hegemoniale Ideal arbeitet, desto schärfer fällt der Ausschluss aus, sobald er feminisiert gelesen wird.
Gerade in TV-Shows und Interviews wird Süle immer wieder zum Gegenstand öffentlicher Erörterung gemacht. Sein Körper dient dort als erzählerischer Aufhänger, an dem vermeintliche Wahrheiten über Disziplin und Charakter verhandelt werden. Sportexperten wie Markus Babbel, der Süle einst als Trainer bei der TSG Hoffenheim begleitete, greifen dabei auf Anekdoten zurück, die weniger erklären als entwerten. Im Sommer 2024 etwa erzählte Babbel in der Sportsendung ran, er habe aus dem familiären Umfeld erfahren, Süle habe sich in jungen Jahren „die ganze Woche von Pizza über Burger bis Schnitzel mit Pommes durchgegessen“. Die Geschichte fungiert nicht als biografische Information, sondern als moralische Miniatur: Sie schreibt dem Körper rückwirkend eine Erzählung mangelnder Selbstkontrolle ein.
Überschreitung einer fragilen Männlichkeitsnorm
Süle erscheint in dieser Erzählung als jemand, der angeblich schon immer zu schwach und zu undiszipliniert gewesen sei, als wäre die Abwertung seines Körpers längst so verfestigt, dass einzelne Aussagen wie jene von Babbel sie kaum noch steigern könnten. Kommentare und Urteile fungieren hier als Form öffentlicher Disziplinierung: Sie sanktionieren kein individuelles Fehlverhalten, sondern markieren die Überschreitung einer fragilen Männlichkeitsnorm.
An diese Überlegungen schließt elf Jahre nach Veröffentlichung von Masculinities Scott Stoneman an, der in Gross Men das Konzept der „fat masculinity“ entwickelt. Er beschreibt, wie der mehrgewichtige Männerkörper abgewertet wird, weil seine als weich gelesene Erscheinung deutlich macht, dass das Ideal männlicher Härte nicht natürlich ist, sondern hergestellt werden muss. Das zeigt sich auch exemplarisch in einer weiteren öffentlichen Diskussion um Süle im Sommer 2024. Zwei Wochen vor dem Champions-League-Finale gegen Real Madrid kursiert ein Bild von Süle während einer Trainingseinheit. Sein angeblich „aufgequollener“ Körper geht viral, es werden Vorwürfe von Fans erhoben: fehlende Professionalität („Der kriegt Millionen und sieht aus wie Scheiße“), mangelnde Selbstkontrolle („Wie viel frisst der, um so auszusehen?“), und, was vielleicht am schwersten wiegt, Verrat an der Mannschaft („Andere strengen sich an, er lässt sich gehen“).
Der schwere Männerkörper im Profisport wird nicht einfach als „ungesund“ (eine Anschuldigung, die Süle konstant über sich ergehen lassen muss) oder „unästhetisch“ gelesen. Er ist vielmehr eine Art der kulturellen Störung des geschlechtlichen Machtprinzips.
Stoneman argumentiert – in einer Weise, die Connells Verständnis von Körpern als „body-reflexive practices“ weiter ausbuchstabiert –, dass der mehrgewichtige Männerkörper deshalb als „soft threat“ funktioniert. Er ist nicht durch Gewalt bedrohlich, sondern durch seine Sichtbarkeit. Der schwere Körper verweist darauf, dass Disziplin nicht naturgegeben ist. Und gerade Süles Körper macht diese verborgene Arbeit sichtbar und zeigt das, was im hegemonialen Ideal unsichtbar bleiben soll: dass Härte nur durch ständige Kontrolle aufrechterhalten werden kann. Diäten, Trainingspläne, und engmaschige Überwachung sind sportlich zwar wichtig, dienen aber auch der sozialen Disziplinierung. Der Spott gegen Süle wirkt daher wie ein Reparaturversuch, der die Illusion der naturgegebenen Härte wiederherstellen soll.
Gepanzerte Körper
An dieser Stelle hilft ein Rückgriff auf Klaus Theweleits Männerphantasien, um die affektive Schärfe dieser Reaktionen zu verstehen. Theweleit beschreibt dort den männlichen Körper als gepanzerten Körper, der seine Stabilität aus Härte, Abgrenzung und Kontrolle bezieht und alles Weiche, Fließende oder Unkontrollierbare als Bedrohung erlebt. Durch diese Perspektive wird verständlich, warum der schwere, als weich gelesene Männerkörper nicht nur als Abweichung gilt, sondern als Gefahr für die Fantasie männlicher Geschlossenheit.
Denn Fußball fungiert – verstärkt durch die Ästhetiken, Beschleunigungen und Zuspitzungen sozialer Medien – als Bühne männlicher Machtfantasien. In einem Sport, dessen Sprache vom Dominieren, Besiegen und „Zerficken“ des Gegners durchzogen ist, wird der Körper zum zentralen Träger dieser Identifikation. Dass Moderatoren im Sky Transfer Update Spieler regelmäßig als „absolute Maschinen“ feiern – das höchste verfügbare Lob –, ist dabei aufschlussreich: Anerkennung erhält, wessen Körper als reibungslos funktionierendes, scheinbar unerschöpfliches Werkzeug erscheint. Über solche Bilder kann der männliche Fan eine Form von Überlegenheit imaginieren und miterleben, die ihm im eigenen Alltag verwehrt bleibt, vermittelt durch stellvertretende Körper, die für ihn kämpfen, leiden und scheitern. Süle jedoch kann diese Machtposition schlicht nicht „einnehmen“. Nicht, weil ihm etwas fehlt, sondern weil sein Körper im öffentlichen Blick jene Bedeutungen zugeschrieben bekommt, die ihn aus der Logik männlicher Dominanz herausfallen lassen. Zu weich, zu langsam im Antritt, zu inkonstant.
Er ist damit nicht mehr Subjekt, sondern Symbol, genau jene Art „body-reflexive practice“, von der Connell spricht: ein Körper, an dem soziale Bedeutungen produziert werden, die weit über die Person hinausreichen. Die Öffentlichkeit nutzt ihn als Projektionsfläche, an der hegemoniale Männlichkeit demonstriert, verteidigt und repariert wird. Der Fall Süle zeigt letztlich nicht, wie ein Körper versagt, sondern wie zerbrechlich das Ideal geworden ist, das ihn zu verspotten versucht. Der Spott gilt nicht ihm, sondern der Angst, dass die Fassade des Unerschütterlichen reißt. Der schwere Männerkörper legt jene Wahrheit frei, die der muskulöse so sehr zu verdrängen versucht: dass Männlichkeit nicht aus Natur, sondern aus unablässiger Arbeit besteht. Und dass die härteste Form der Kontrolle jene bleibt, die sich selbst als Naturgesetz tarnt. •
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