Von Mouth Tape bis Realitätsfilter
Sind flüssige Bäume und Ad-Blocker-Brillen die Zukunft? Drei Produkte, die nicht nur für den Markt, sondern auch für die Philosophie interessant sind.
Verklebtes Weltverhältnis
Fitness-Influencer auf Social Media scheinen sich einig zu sein: Das Mouth Tape, ein häufig schwarzes Klebeband, das während des Schlafens quer über den Mund geklebt wird, ist der neueste Ausdruck eines gesunden und bewussten Lebensstils. Die durch das Klebeband automatisch erzwungene Nasenatmung soll das leidige Schnarchen unmöglich machen und außerdem die Gesundheit verbessern. So könne mit dem Mouth Tape etwa präventiv gegen Asthma vorgegangen werden. Zwar besitzt die Nasenatmung tatsächlich einige Vorteile. Studien zum Mouth Tape konnten die Vorzüge des Klebebands bislang jedoch nicht eindeutig bestätigen. Auch der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty wäre wohl eher skeptisch gewesen. Seinem Werk folgend lässt sich der menschliche Leib als zentraler Vermittler zwischen dem menschlichen Inneren und der äußerlichen Welt begreifen. Zu Beginn des Einschlafens atmet der Mensch bewusst und gleichmäßig, ehe er eine Bestätigung von der Umwelt um sich herum erfährt: „Ich atme langsam und tief, um den Schlaf herbeizurufen, und plötzlich ist es, als kommuniziere mein Mund mit einer riesigen Lunge, die meinen Atem anzieht und zurückdrängt, der soeben noch von mir gewollte Rhythmus meines Atmens wird mein Sein selbst, der Schlaf, zuvor als Bedeutung vermeint, verwandelt sich jäh in Situation.“ Wird diese zentrale Atemverbindung als Zwischenstück zwischen Innen und Außen nun durch das Mouth Tape eingeschränkt, verengt sich auch das eigene Verhältnis zur Außenwelt. In phänomenologischer Hinsicht drängt sich somit die Frage auf: Verzichte ich auf einen Teil meiner Weltbeziehung – nur um meine Umwelt vor Schnarchgeräuschen zu schonen? / Max Urbitsch
Realitätsfilter
Ad-Blocker-Brillen versprechen Befreiung: Sie löschen Werbung in Echtzeit aus dem Sichtfeld, verdecken analog sowie digital Plakate, Bildschirme oder Logos und überblenden Werbeanzeigen durch einen roten Kasten. Die Brillen suggerieren die Rückkehr in eine echte, werbefreie Welt ohne Manipulation und Ideologie. Aber manipuliert die Brille uns nicht selbst, indem sie uns einen Teil der Wirklichkeit vorenthält? Unsere Welt ist längst von Zeichen (Werbung und Markenlogos) durchdrungen, die nicht nur informieren, sondern selbst Realitäten erzeugen. Jean Baudrillard beschreibt dies als „Hyperrealität“. In einer solchen Umgebung ist das Versprechen der Brille, einen reinen Blick freizulegen, letztlich leer: Werbung und daraus resultierender Konsum sind keine von der Realität abgetrennten Faktoren, sondern formen diese maßgeblich mit – wer sie künstlich ausblendet, versteht womöglich die Welt nicht mehr. Zugleich verschleiert die Brille ihre eigene Rolle als Konsumprodukt, das selbst Daten sammelt und Begehrlichkeiten bedient: Man glaubt, frei zu sein, während man eine neue Ästhetik des Konsumverzichts einkauft. Die eigentliche Frage lautet daher: Wird die konsumfreie Realität, wenn sie nur mit einer bestimmten Brille zugänglich wird, nicht selbst zur Ware? / Luan Graser
Flüssige Bäume
Grünes Licht wabert in dem brutalistisch anmutenden Aquarium, umgeben von Betongrau. Das Projekt „Liquid 3“ der Universität Belgrad installiert den ersten Algentank in der Stadt – dort, wo für echte Bäume kein Platz mehr ist. 600 Liter Wasser bieten einen Lebensraum für lokale Mikroalgen. Ein Solarmodul versorgt die Pumpe mit Strom, die CO2, Stickstoff und Schwermetalle aus der Luft zu den Algen hinein- und den produzierten Sauerstoff hinausbefördert. Der Algentank leistet so viel wie zwei 20 Jahre alte Bäume. Manch einem mag die Idee von künstlichen Flüssigbäumen dystopisch erscheinen. Ist es nicht problematisch, Natur durch Technik zu ersetzen? Doch der Philosophin Donna Haraway zufolge ist die Grenzziehung zwischen Natürlichem und Künstlichem ohnehin obsolet – überall arbeiten menschliche, natürliche und technische Akteure zusammen. Die entscheidende Frage ist für sie, was getan werden muss, „damit artenübergreifendes Gedeihen auf dieser Erde eine Chance hat“. In Deutschland gibt es zaghaften Kontakt mit der Idee aus Serbien. Die Erfinder Ivan Spasojević und Danica Stojiljković stellten ihr Projekt letztes Jahr in München vor, ein Unternehmerpaar möchte die Bioreaktoren auf Mallorca testen. Haraway würde wohl nicht lange mit der Frage hadern, ob flüssige Bäume „echte“ Natur untergraben. Baut Bäume, bevor es zu spät ist! / Pia Kujat •
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Ludger Schwarte: „Farbe ist immer anarchisch“
Lange Zeit wurde die Farbe in der Philosophiegeschichte ausgeklammert. Ein Unding, wie Ludger Schwarte in seinem neuen Buch Denken in Farbe erläutert. Schließlich eignen wir uns die Welt nicht nur durch Farben an, sondern sie besitzen auch ein subversives Potenzial.
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