Der übergangene Vordenker
Zeitlebens bewunderte Emmanuel Lévinas Werk und Person Jean-Paul Sartres. Umgekehrt schien sich Sartre nur wenig für Lévinas zu interessieren, auch wenn er diesem einiges zu verdanken hatte. Denn über Lévinas‘ 1930 erschienene Dissertation zu „Husserls Theorie der Anschauung“ fand Sartre ersten Zugang zur Phänomenologie. Heute wäre Lévinas' 120. Geburtstag.
In ihren Memoiren berichtet Simone de Beauvoir von einem Dreiertreffen von Sartre, Raymond Aron und ihr Anfang 1933 in einem Lokal in Paris-Montparnasse. Aron ist frisch zurück aus Deutschland, wo er neben der Abfassung seiner Doktorarbeit in Geschichte die aktuelle deutsche Philosophie erkundete. Er erzählt von der Phänomenologie Husserls als einem Denken, das den Gegensatz von Idealismus und Realismus, Subjektivität und äußerer Wirklichkeit, überwindet und somit ganz nach dem Geschmack von Sartre sein dürfte.
Diese Überwindung leistet Husserls zentraler (von seinem Lehrer Franz Brentano übernommener) Begriff des „intentionalen Bewusstseins“. Danach verbindet uns unser Bewusstsein in dem Maße mit der Welt, wie das Bewusstsein von sich her schon auf etwas ihm selbst Äußerliches bezogen ist. Elektrisiert wird sich Sartre sogleich Lévinas‘ Promotionsschrift, auf die ihn Aron hinweist, kaufen und schon im Gehen darin blättern.
Laut de Beauvoir habe ihn Lévinas‘ Schrift eher enttäuscht; er fand sie zu formell, zu vage. Umso eigensinniger eignete er sich seinerseits das Husserlsche Denken an. Frucht dessen ist Die Transzendenz des Ego von 1936. Den phänomenologischen Grundgedanken der Welt-Bezogenheit unseres Bewusstseins spitzt Sartre existenzialistisch zu: Indem wir uns dem Außen zuwenden, gehen wir über uns selbst hinaus; über uns hinausgehend, entwerfen wir uns selbst. Lévinas wird mit keinem Wort hierin erwähnt.
Zehn Jahre später – drei Jahre nach Veröffentlichung seines frühen Hauptwerks Das Sein und das Nichts – wird Sartre im Pariser Club Maintenant seinen berühmten Vortrag Der Existenzialismus ist ein Humanismus halten. Am selben Ort wird im Folgejahr eine Diskussionsveranstaltung darüber stattfinden, an der unter anderem Nikolai Berdjajew, Alexandre Koyré, Gabriel Marcel und auch Emmanuel Lévinas teilnahmen, der sich in Kenntnis zunächst nur der Romane Sartres voller Anerkennung über dessen Wirken äußerte.
1946/47 hält Lévinas im Rahmen derselben Veranstaltungsreihe vier Vorlesungen unter dem Titel Die Zeit und der Andere, die kurz darauf auch als Buch erscheinen werden. Hierin übt er erste leise Kritik an Sartres existenzialistischer Lesart der Phänomenologie. Danach läge dieser ein allzu „engelhafter“ Begriff der eigenen Gegenwart zugrunde, aus dem heraus sich das Sartresche Ich entwirft und dabei gleichsam ohne Ballast segelt. Dem nun stellt Lévinas ein Verständnis vom Selbst entgegen, das bei aller Fähigkeit zur Selbstüberschreitung doch stets von sich selbst beschwert bleibt. So (wie es Lévinas in seinem zeitgleich publizierten Buch Vom Sein zum Seienden veranschaulicht) in Momenten der Müdigkeit und der Faulheit, ja, des Widerwillens des Existierenden gegen sein Existieren-Müssen. Statt dass Sartre darauf etwas erwidert hätte, wird Simone de Beauvoir zwei Jahre später, 1949, in Das andere Geschlecht an Lévinas‘ Buch unter Gender-Gesichtspunkten kein gutes Haar lassen. So deutet sie – zurecht – Lévinas’ konservativen Begriff des Weiblichen als objektiv verbrämten Chauvinismus.
Abgrenzungen und Verkehrungen
1961 erst wird Sartre – anlässlich des Todes von Maurice Merleau-Ponty – beiläufig erwähnen, dass er über Lévinas zur Phänomenologie gekommen war. Wenig später, anlässlich des Sartre 1964 zuerkannten (und von ihm abgelehnten) Literatur-Nobelpreises, wird ihn Lévinas in seinem Glückwunschschreiben darum bitten, Einfluss auf den damaligen ägyptischen Präsidenten Nasser dahingehend zu nehmen, dass er diesen vom Existenzrecht Israels überzeugt. Er, Sartre, habe bei all seinem Eingenommensein für die palästinensische Sache stets am Existenzrecht Israels festgehalten und verfüge von daher wie kein zweiter über die notwendige Reputation für eine solche Intervention. Worauf der Geehrte in die Runde gefragt haben soll: „Wer ist denn eigentlich dieser Lévinas?“
Vergesslichkeit? Verleugnung? Lag deren Grund in einer Art Verwischung der Spuren einstigen Vagierens? Oder darin, dass Lévinas mehr und mehr eine von seiner eigenen im Tiefsten unterschiedenen philosophische Position einnahm? Danach stellt unser Ich weniger einen Entwurf unserer selbst dar als vielmehr ein passives Geöffnetsein gegenüber einem an uns gerichteten Anspruch, der vom nächst Anderen ausgeht, vor dessen An-Blick wir uns als verantwortliches Ich erfahren. Heißt es in Sartres Stück Geschlossene Gesellschaft von 1944: „die Hölle, das sind die Anderen“, so deshalb, weil der Blick des Anderen im Sartreschen Sinne mich – auch mir selbst gegenüber – zum Objekt macht: Er reduziert mich auf mein So-Sein, beraubt mich der Möglichkeit der Selbsttranszendenz und somit meines Selbstentwurfs. Demgegenüber verweist Lévinas, umgekehrt, darauf, dass uns der Andere in gewisser Weise näher ist, als wir uns selbst sind, ablesbar am alltäglichen Vorkommnis von Mitgefühl, Verstehen und Verzeihen als dem gleichsam Normalsten von der Welt, normaler als alles Streben nach Identität und Selbstbehauptung, das eher Ausdruck einer gestörten Ich-Entwicklung ist.
Lévinas‘ Bewunderung für Sartre war nicht ganz ungetrübt, wenn nicht sogar maskierter Groll. So misstraute er zunächst seinem späteren Biographen Salomon Malka, da ihm dieser allzu viele Sartre-Zitate im Munde führte. Darüber hinaus war ihm das ganze Saint-Germain-des Prés-hafte der existenzialistischen Szene zuwider. Abgesehen davon, dass man Lévinas, nach Auskunft von Malka, nie je in einem Pariser Caféhaus angetroffen hätte, erschien ihm das Café alles andere als eine Stätte der Philosophie – eher als (nicht zuletzt aus der Sicht eines Strenggläubigen, der er war) bohèmehafter Un-Ort einer entsolidarisierten (sprich: laizistischen) Gesellschaft.
Und doch sollten sich zum Ende von Sartres Leben hin noch einmal die Dinge verkehren. 1980, Sartres Sterbejahr, erschien im Nouvel Observateur eine Reihe von Gesprächen von ihm mit Benny Lévy, einem jungen ägyptischstämmigen Juden, den Sartre aufgrund seiner fortschreitenden Erblindung als Sekretär und intellektuellen Anreger eingestellt hatte. Dieser stand unter starkem Eindruck der Lektüre von Lévinas‘ Texten. In diesen Gesprächen begann Sartre in Teilen sein eigenes Denken zu revidieren. Er hielt sich vor, eine Moral ohne Gegenüber entwickelt, den Begriff der eigenen Existenz zu sehr von der der anderen entkoppelt zu haben. Nunmehr wird er sagen, dass wir jederzeit, selbst wenn wir mit uns allein sind, in Beziehung zu anderen stehen, sei es, dass wir an jemanden denken, sei es, dass wir von Dingen umgeben sind, die andere Menschen geschaffen haben. Moralisches Bewusstsein, sagt er weiter, sei nicht nur eines von den anderen, sondern für sie – ein genuin Lévinas’scher Gedanke. Nicht genug, wird Sartre an der jüdischen Deutung der Geschichte als ein messianisches Geschehen Gefallen finden, ganz im Gegensatz zu seinem vormals in einem säkularen Sinne heilsgeschichtlichen, nämlich fortschritts- und befreiungsorientierten Geschichtsbegriff hegelianisch-marxistischer Prägung. Auch dies liegt ganz auf der Linie von Lévinas. Gleichwohl fällt sein Name kein einziges Mal.
Darüber ist es bei de Beauvoir und der „Familie“ rund um die 1945 von Sartre und de Beauvoir gegründete Zeitschrift Les temps modernes zu Verdächtigungen gegenüber Benny Levy – sozusagen in Stellvertretung für Lévinas’sche Positionen – gekommen. In ihrem nach Sartres Tod erschienenen Buch Die Zeremonie des Abschieds beschreibt sie einen aufgrund seiner Erblindung zunehmend hilflos gewordenen Sartre von seinem Gesprächspartner in eine religiöse Richtung gedrängt, die dem Sartreschen Denken im Tiefsten zuwiderlaufe.
Nachträgliches
Wirklich? In dem ebenfalls darin abgedruckten Gespräch, das sie selber knapp sechs Jahre zuvor mit Sartre geführt hatte, äußert sich Sartre sehr wohl zum Wechsel seiner Anschauung in Glaubensdingen. Er nennt es einen Übergang vom idealistischen zum materialistischen Atheismus. Setzt ersterer an die Stelle Gottes, „an“ den wir in kindlicher Weise glauben, ein Nichts, arbeitet letzterer einem Erwachsenwerden des Menschen vor, der an sich selbst zu glauben gelernt hätte. Nicht, dass er sich an die Stelle Gottes setzte (wie infolge des idealistischen Atheismus‘), sondern indem er kraft seines Freiheitsbewusstseins Verantwortung für sich übernähme. Vor diesem Hintergrund wird Gott, wie Sartre überraschenderweise ausführt, als Urbildner dieses freien, selbstverantwortlichen Wesens, als welches wir uns gegeben sind, denkbar – während wir uns zugleich von unserem Schöpfer getrennt erfahren. Auch dies ein zutiefst Lévinas’scher Gedanke. Diesem gemäß können wir unseren ethischen Selbstbegriff von keinerlei Wissen um Gott ableiten. Wir haben nichts als die Begegnung mit dem Anderen, dem gerecht zu werden wir aufgerufen sind. Anders ausgedrückt: Dernächst Andere repräsentiert hier und jetzt die Jenseitigkeit Gottes. In demselben Gespräch gesteht Sartre rückblickend eine gewisse Eifersucht, die ihn im ersten Kontakt mit Lévinas‘ früher Husserl-Schrift überfiel. Befürchtete er doch, dass jener seine, Sartres, philosophische Intuition bereits zum Ausdruck gebracht haben könnte.
Anlässlich des Todes von Sartre wird Emmanuel Lévinas hervorheben, dass Sartres Freiheitsbegriff von jeher die anderen Menschen miteinschloss, da ihm Freiheit stets Quelle von Verantwortung war. Womit er einer ganzen Generation – zu der auch er, Lévinas, gehöre – Hoffnung gab. Erst nach Sartres Tod, über die Lektüre von Simone de Beauvoirs Memoiren, wird Lévinas erfahren, dass dieser damals seine Dissertation gelesen hatte. •
René Weiland ist Philosoph und Essayist. Zuletzt sind von ihm erschienen: „Die Unruhe des Denkens und das Versprechen der Philosophie“ und „Moralische Schwerkraft. Was uns beieinander hält“ (Der blaue Reiter, 2021 und 2025).
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