Francis Bacons Träume von der Macht
Heute vor 400 Jahren starb der Prophet der modernen Naturwissenschaft: Francis Bacon. Er entwarf eine experimentelle, arbeitsteilige und auf den menschlichen Nutzen ausgerichtete Wissenschaft – die jedoch nicht selten in ihr Gegenteil umschlug. Über Bacons Leben und Wirken.
Anfang April des Jahres 1626 war Schnee gefallen. Den Philosophen und ehemaligen Lordkanzler Francis Bacon, gerade unterwegs von London zu seinem Wohnsitz Highgate im Norden der Stadt, brachte das ungewohnt kalte Wetter auf die Idee, ein Experiment durchzuführen, um zu prüfen, ob Schnee die Verwesung von Fleisch ebenso aufhält wie Salz. Er ließ die Kutsche anhalten, besorgte sich bei einem Bauern ein Hühnchen, ließ es schlachten und bettete den Kadaver in Schnee. Dabei erkältete er sich, und wurde durch die Krankheit gezwungen, unterwegs Rast zu machen. Doch so harmlos die Erkältung begann, Bacon sollte nicht mehr zuhause ankommen. Er starb im Schloss seines Gastgebers, des Grafen von Arundel, am 9. April 1626.
Zu seinem überraschenden und nach heutigen Maßstäben frühen Tod – er wurde 65 Jahre alt – dürften auch die Mittel beigetragen haben, die er zum Zweck der Lebensverlängerung einsetzte. In einem seiner Bücher, das der Kunst der Lebensverlängerung gewidmet ist, erzählt er die Soldatensitte, vor der Schlacht eine Portion Schießpulver zu schlucken, und empfiehlt diese Sitte, ein wenig verfeinert, ausdrücklich zur Nachahmung. Bacon glaubte, dass Salpeter, der Hauptbestandteil des Schießpulvers, die unwahrscheinlichsten Dinge bewirken könne. Er sei bei allen möglichen Krankheiten die beste Medizin. Daher soll man Salpeter täglich zusammen mit dem gewöhnlichen Kochsalz einnehmen, als magisches Stärkungs- und Abwehrmittel, um sich gegen Krankheiten abzuschirmen und ein hohes Alter zu erreichen. Ob er im Salpeter eine Machtsubstanz sah, die magisch wirkt, oder ob eher die kühlenden Qualitäten, die heute noch bei Kühlpads im Sport genutzt werden, im Vordergrund standen, lässt sich nicht feststellen. Jedenfalls nahm Bacon, wie berichtet wird, allmorgendlich eine Dosis von ungefähr einem gestrichenen Teelöffel voll, womit er seinen Körper arg in Mitleidenschaft zog, denn so hoher Salpeterkonsum führt zu Nitratvergiftung, die ihrerseits abnehmende Libido und allgemein abnehmendes Leistungsvermögen bewirkt. Sein geschwächter Körper hatte wahrscheinlich auch deshalb der Krankheit nichts entgegenzusetzen.
Bacons Neues Werkzeug (novum organum)
Es ist in der Literatur immer wieder betont worden, dass Bacon selbst fast keine praktisch verwendbaren Erkenntnisse zur Wissenschaft beigetragen hat. Seine Hauptleistung besteht darin, dass er eine neue Art zu forschen ungemein suggestiv beschrieben und damit machtvoll auf die folgenden Generationen gewirkt hat. Zwar versteht er unter der induktiven Methode, die er anpreist und der deduktiven entgegensetzt, etwas anderes als wir heute. Gleichwohl ist sein Beharren auf dem Experiment und seine Betonung der Bedeutung negativer Instanzen für den Fortschritt des Erkennens sehr wichtig. Das weist schon voraus auf den Falsifikationismus Popperscher Prägung.
Bacon ging es um eine praktische, experimentelle, arbeitsteilig organisierte Wissenschaft, die das Wohl „der Menschheit“ steigert, indem sie nicht Einsichten in große Zusammenhänge fördert, sondern viele kleine funktionierende Erfindungen produziert, die das Leben erleichtern und Macht verschaffen. Als besonders eindrucksvolle Beispiele für solche Erfindungen, die zwar vor aller Wissenschaft getätigt wurden, denen die Wissenschaft aber nacheifern müsse, nennt er den Buchdruck, das Schießpulver und den Kompass. Mit den elektronischen Medien und den Nuklearwaffen sowie der Satellitennavigation ist der Wissenschaft gelungen, was ihr Bacon als Ziel gesetzt hat.
In seinem Aphorismus 129, mit dem das erste Buch seines Novum Organum schließt, hat Bacon seine Ziele besonders klar beschrieben. Er erklärt dort nämlich, dass die Taten von Gesetzgebern und Staatengründern immer nur begrenzten Gemeinschaften zugutekommen, während Erfindungen für das gesamte Menschengeschlecht von Nutzen seien. Tatsächlich geht er soweit, Erfindungen als neue Schöpfungen auch im theologischen Sinn zu feiern; sie imitierten die Werke Gottes.
Bacon glaubt, der Partikularität politischer Taten zu entkommen, indem er auf Technik setzt und verkennt dabei, dass auch Technologien immer nur einzelnen Menschengruppen dienen, und dies fast immer zum Schaden anderer Menschen bzw. Lebewesen. Anders gesagt: Die Technologie, die er im Sinne hat, ist auch nur Politik mit anderen Mitteln. An seinen Beispielen – dem Schießpulver und dem Kompass - sieht man es deutlich, denn diese dienten zwar nicht nur, aber insbesondere auch bestimmten europäischen Staaten auf ihren imperialistischen und kolonialistischen Wegen.
Bacons Wegweisungen ist man in Europa nur allzu gern gefolgt; die von ihm visionär imaginierten gelehrten Gesellschaften und Wissenschaftsorganisationen sind allesamt wenige Jahrzehnte nach seinem Tod Realität geworden. Und auch eine ganz oberflächliche Betrachtung des modernen Wissenschaftssystems zeigt, dass es im Wesentlichen den Grundsätzen Bacons folgt: Die Nobelpreise, die prestigeträchtigsten Wissenschaftsauszeichnungen unserer Zeit, werden eben nicht an Mathematiker, Historiker, Geographen, Astronomen, Biologen, Theologen oder Philosophen vergeben, sondern an Chemiker, Physiker, Physiologen und Mediziner. Also an Vertreter jener Disziplinen, die experimentell arbeiten, die Werke ermöglichen. Dies war dem Stifter des Preises, dem Chemiker Alfred Nobel, der selbst mit ebensolchen Werken reich geworden war, denn die Welt ‚verdankt‘ ihm u.a. das Dynamit, die modernen Sprengtechnologie und die modernen, das maschinelle Schießen ermöglichenden vollsynthetischen Schießpulver. Es sind die experimentellen Naturwissenschaften, die nicht nur dem Stifter, sondern auch heute noch den meisten berufen zu sein scheinen, der Menschheit den größten Nutzen zu stiften. Das zeigt, dass die moderne Wissenschaft weiterhin in einem fast ungebrochenen Bacon-Modus denkt und arbeitet.
„Moses“ des naturwissenschaftlichen Zeitalters
Schon zu Lebzeiten war Bacon als Autor berühmt. Rasch setzte auch eine begeisterte Bacon-Rezeption der nachgelassenen Schriften ein und verbreitete sich über ganz Europa. Von seiner postum veröffentlichten Wissenschaftsutopie Neu-Atlantis erschienen bis 1660 zehn Auflagen. Die von ihm vorausgesehene, herbeigeschriebene, experimentelle und arbeitsteilige Neue Wissenschaft wurde institutionalisiert, zunächst in der Royal Society, die 1660 gegründet wurde. Diese war, Bacon hätte gejubelt, allein den experimentellen Naturwissenschaften vorbehalten, ihr Wahlspruch lautete Nullius in verba, frei übersetzt: Traue keines Menschen Wort. Dieses Motto bezieht sich darauf, dass man vom Wortkram ablassen und nur noch Werke und Experimente gelten lassen solle, denn nur die offenbaren die Wahrheit und fördern den Fortschritt. Auf der ersten publizierten Geschichte der Royal Society, die schon 1667 verfasst wurde, ist im Vordergrund Francis Bacon abgebildet, als eine Art Kirchenvater. Heute noch zählt die Mitgliedschaft zur Royal Society zu den ganz hohen Ehrungen in den Naturwissenschaften; FRS, Fellow of the Royal Society, wird als Namenszusatz geführt. Die Royal Society wurde Vorbild für zahlreiche ähnliche Gründungen in anderen europäischen Ländern (und bald darüber hinaus).
Doch so sehr die Gründung der Royal Society als Zeugnis einer euphorischen Bacon-Rezeption im 17. Jahrhundert gelten kann, die neue Wissenschaft war von Anfang an umstritten. Johann Amos Comenius etwa, der geboren wurde, als Bacon 30 Jahre alt war und gerade begann, unter Königin Elisabeth I. seine politische Karriere zu starten, empfand die Zielsetzungen der Baconschen Wissenschaft als zu einseitig und sogar als gefährlich. In dem Begleitschreiben, das er der Sendung seiner Schrift Via lucis an die Royal Society beifügte, mahnte er, dass die Forschung sich nicht nur auf punktuelle technische Themen konzentrieren dürfe. Denn sonst werde diese Wissenschaft ein „auf den Kopf gestelltes Babel sein, das seine Bauten nicht gegen den Himmel richtet, sondern gegen die Erde.“ Dieses vielsagende Bild kann man auf das oft ignorierte Zerstörungspotential der modernen Naturwissenschaft beziehen. Das unheimliche Symbol scheint uns heute, da wir als eines der ‚großen Werke‘ Baconscher Naturwissenschaft die Atombombe kennengelernt haben, recht treffend und geradezu visionär, damals dürfte es nur Verwunderung ausgelöst haben.
Im 17. und dann erst recht im 18. Jahrhundert blieb diese mahnende Stimme daher eine Ausnahme. In der Bacon-Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts wird Bacon vielmehr bewundernd gefeiert als „Vater der experimentellen Philosophie“, wie Voltaire sagte, oder auch als der „Moses“ des naturwissenschaftlichen Zeitalters, wie der englische Historiker Macaulay meinte, der zwar die Person Bacons kritisch sah, weil er in ihm einen skrupellosen und überdies korrupten Karrieristen sah, der aber die von Bacon konzipierte Nützlichkeitswissenschaft für eine große Wohltat für die Menschheit hielt.
Hegel ist ebenfalls kritisch gegenüber Bacon, aber aus philosophischen Gründen, er erblickt in ihm „den Heerführer der Erfahrungsphilosophen“. Doch das Klein-Klein der empirischen Forschung ermangelt eben der übergreifenden Perspektiven: „große Blicke“ finde man nicht, notiert er. Umso größer ist die Hochschätzung Bacons bei Karl Marx und Friedrich Engels. Und das ist auch kein Wunder, denn der Sozialismus im marxistischen Sinne predigt die Entfesselung der Produktivkräfte, die ohne Bacons Form der Naturwissenschaft nicht möglich ist; die Beendigung der Herrschaft des Menschen über den Menschen geht Hand in Hand mit der methodischen Ausbeutung der Natur; ein Zusammenhang, auf den der Romantiker Adam Müller noch vor allem Marxismus in seiner Kritik der Ideale der Französischen Revolution hingewiesen hat. Dass Bacon jedenfalls Epoche gemacht hat, ist in der Rezeption des 19. Jahrhunderts unbestritten, und so wird mit Bacons Novum Organum häufig die Philosophie der Neuzeit begonnen, etwa bei Franz Brentano.
Zunehmende Bacon-Kritik im 20. Jahrhundert
Das Bacon-Gedächtnis des 20. Jahrhunderts verdüstert sich dann rasch. Schon zu Beginn des Jahrhunderts sahen weitblickende Geister wie etwa der Philosoph Oscar Kraus das Erbe Bacons in kritischem Licht. Kraus schreibt: „Bacons ganzes Leben war dem Kultus der Macht gewidmet“. Seine ganze Philosophie sei „eine Philosophie des Machtgedankens, des Imperialismus“. Es gehe ihm keinesfalls nur um Naturbeherrschung. Diese ist vielmehr, wie das Vademecum des Imperialismus, das er verfasst hat, zeigt, auch und untrennbar davon ein Vehikel zur Völkerunterwerfung. Politischer und naturwissenschaftlicher Imperialismus gehen, zeigt Kraus in seinem Aufsatz, Hand in Hand. Er wirft Bacon vor, dass er sich nicht mit dem Problem befasst habe, dass die Macht, welche die von ihm propagierten Naturwissenschaften liefern, auch für verderbliche Werke genutzt werden könne.
Als Kraus diesen hellsichtigen Artikel schrieb, war der Große Krieg, der heute so genannte Erste Weltkrieg gerade beendet. Er bot mit den neuen, chemischen Explosivstoffen, wie z.B. TNT, den Unterseebooten oder mit den chemischen Kampfgasen (Phosgen, Chlor usw.) genug Anschauungsmaterial für zweischneidige Werke jener Wissenschaft. Der Chemiker Svante Arrhenius hat nicht ohne Grund den Ersten Weltkrieg den Krieg der Chemiker genannt. Kraus' Mahnung verhallte ungehört, der jüdischstämmige Philosoph entging, als deutsche Truppen 1939 Prag besetzten, nur knapp der Ermordung.
Nach 1945, nach Auschwitz und Hiroshima, wurde die Ambivalenz des Baconschen Forschungsideals dann unübersehbar. Und sie wurde nun auch breit diskutiert. Max Horkheimer und Theodor Adorno schreiben gleich auf den ersten Seiten ihrer Dialektik der Aufklärung, die 1947 veröffentlicht wurde, den diffusen, aber umso eindrucksvolleren Satz: „die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ Mit dem von Horkheimer und Adorno anachronistisch verwendeten Begriff Aufklärung meinen sie hier ganz zentral die naturwissenschaftlich-technische Form der Forschung, die auf Bacon zurückgeht. Daher erläutern sie ihren Begriff auch mit einem sehr langen Bacon-Zitat. Mit ihrer Einschätzung stehen sie keineswegs allein. Auch der britische Wissenschaftshistoriker Benjamin Farrington sieht in Bacon den „philosopher of industrial science“ mit allen Ambivalenzen, die damit verbunden sind.
Und Hans Jonas beginnt sein Werk über das Prinzip Verantwortung mit einem kritischen Rückblick auf Bacon. Er glaubt, dass das von Bacon verkündete, propagierte und suggerierte naturwissenschaftliche Zeitalter in seinem Bemühen, die Natur zu beherrschen, einen außergewöhnlichen, einen nachgerade beängstigenden Erfolg gehabt habe. Die Naturbeherrschung ist jedoch so erfolgreich, dass sie, schon bei Adorno und Horkheimer, in ihr Gegenteil umschlägt, und zu sich rasch steigernden ökologischen Problemen führe – eben deshalb brauche es nun eine Ethik der Selbstbeschränkung.
Gernot Böhme teilt diese Diagnose und sieht uns am „Ende des Baconschen Zeitalters“, denn es gelte, Alternativen jenseits von Bacon zu suchen. Bei so viel Bacon-Kritik fühlen sich natürlich die Bacon-Verteidiger herausgefordert. Zu nennen ist hier z.B., im selben Sammelband, Philipp Rippel, der die Auffassung vertritt, Bacon sei gerade kein früher Vertreter einer rein instrumentellen Vernunft im Sinne der kritischen Theorie, sondern ein Humanist, dem die Problematik einer von ethischen Perspektiven gelösten Wissenschaft sehr wohl bewusst gewesen sei. Während die Textbelege für diese Behauptung recht spärlich sind, bleibt an Rippels Position jedenfalls die Mahnung beherzigenswert, man dürfe Bacon nicht einfach beiseitestellen, sondern solle sich bemühen, auch in seinem Werk nach Perspektiven, die über ein rein imperialistisches Naturverhältnis hinausführen, zu suchen.
Es gibt weitere Bacon-Apologeten, unter ihnen insbesondere den Weizsäcker-Schüler Lothar Schäfer, der der Überzeugung ist, dass das Bacon-Zeitalter keineswegs am Ende sei, dass wir vielmehr noch mittendrin sind. Schäfer plädiert für eine ökologisch eingebettete Technik und will die experimentell-technische Vernunft auf die Probleme, die sie erzeugt hat, anwenden. Das ist auch plausibel. Seine Argumentation, dass man ein Bacon-Projekt der Beherrschung und Nutzung der Natur auch unter den Grenzen des Wachstums definieren könne, klang in den 1990er Jahren, als das Buch publiziert wurde, freilich plausibler als heute. Denn es ist schwer zu sehen, wie die sich auftürmenden Umweltprobleme, zum Beispiel der sich entfaltende Klimawandel, der Biodiversitätsverlust, die Vergiftung von Böden, Gewässern und Luft noch durch wissenschaftlich-technische Reparaturmaßnahmen gemildert werden könnten. Zudem unterschlägt Schäfer die naturwissenschaftliche Kriegstechnologie, bei der überhaupt nicht absehbar ist, wie sie durch noch mehr Naturwissenschaft irgendwie zu etwas ‚Gutem‘ gemacht werden könnte.
Nach Bacon
Man kann sagen, dass die von Bacon inaugurierte Wissenschaft nicht nur früher undenkbare Wohltaten und Wohlstand geschaffen, sondern ineins damit und untrennbar davon auch vorher undenkbare Übel und Übelstände geliefert hat. Heute wird jeden Tag offensichtlicher, dass die letzten überwiegen, sie wachsen uns förmlich über den Kopf. Aus dem von Bacon versprochenen Heil ist vielerorts und allmählich auch global Unheil geworden. Sein Machtversprechen, das einigen Menschen eine Zeitlang ein enormes Freiheitsgefühl verschaffte, führt heute zu einem wachsenden Gefühl von Unfreiheit und Ohnmacht. Wo ist das Novissimum Organum, das Werkzeug, das uns hilft, die durch Bacons Wissenschaft entstandenen Probleme zu bewältigen? Vielleicht kann uns Bacon selbst helfen.
Denn Bacons unbestreitbare Größe liegt auch und vielleicht sogar vor allem darin, dass sich in seinem eigenen Werk schon Perspektiven finden, die über ihn und über die von ihm propagierte Naturwissenschaft hinausführen. Das liegt daran, dass Bacon ein Denker ist, der nicht nur in Begriffen und Argumenten denkt, sondern auch in Bildern. Die Fantasie, deren Medium die Bilder sind, schätzte er in hohem Maße (wodurch er stark auf Giambattista Vico einwirkte). Man bewundert an seinem Denken immer wieder die Bildstärke, die die Lektüre seiner Schriften auch heute noch faszinierend machen. Und die Liebe zu den Bildern erschließt ihm auch Ideen, die über das, was er rein rational denkt, hinausgehen.
Er selbst gibt uns die Vision einer Wissenschaft, die nicht an Macht orientiert ist. Denn er konzipiert in seinem bildtheoretischen Werk Weisheit der Alten auch eine gewaltlose Wissenschaft, die etwas Versöhnendes hat, die Natur und Menschen nicht auseinanderrückt, sondern verbindet. In diesem Buch findet sich nämlich auch eine Deutung des Orpheus-Mythos. Orpheus war ein Dichter und Sänger, dessen Gesang so eindrücklich war, dass sogar wilde Tiere ihre Feindschaften vergaßen und sich, erzählt Bacon, ebenso wie die Bäume und Felsen um den Musiker scharten. Bacon deutet den alten Mythos als Symbol für eine erneuerte Naturphilosophie, die durch Kontemplation und Versenkung in der Lage ist, einen versöhnten Zustand herbeizuführen. Das Singen ist an sich schon ein Akt, der anders als das Sprechen, nicht auseinandersetzt, sondern emotional verbindet. Singen kann eine Gemeinschaft stiften, weil aus vielen Singstimmen eine werden kann. Verbindung kann nicht nur durch Gesang erreicht werden, vielmehr kann man, scheint uns Bacon mit dem Orpheus-Mythos sagen zu wollen, auch so denken, dass eine solche verbindende Wirkung im Medium des Wortes erreicht wird.
Inhaltlich wird es bei einer solchen versöhnenden und verbindenden Naturphilosophie darum gehen, Gemeinsinn nicht nur für die bekannten menschlichen Gemeinschaft zu stiften, sondern auch für die ältere, die uns mit den Tieren, den Pflanzen, mit der Natur verbindet, die eben nicht einfach nur kolonialistisch und imperialistisch zu unterwerfen und auszubeuten ist. Und so könnte man an eine Naturphilosophie denken, die den ökologischen Gemeinsinn fördert, statt sich einseitig am Nutzen eines Teils der jetzt lebenden Menschen zu orientieren. Schon die Stoiker dachten den Kosmos als eine Polis, als ein Staatswesen, dem der Philosoph ebenso angehöre wie jenem in dem er als Bürger wahlberechtigt ist, daher nannten sie den Philosophen auch Kosmopolit.
Hier könnte eine gedankliche Perspektive sein, die mit Bacon über ihn hinausführt. Das würde den Intuitionen so mancher Bacon-Leser entsprechen, etwa von Karl Marx und Friedrich Engels, die an Bacon das Gärende, noch-Vielseitige gepriesen haben; durch die er sich positiv von seinen einseitigeren Nachfolgern unterschied. So einseitig Bacons Philosophie bisweilen daherzukommen scheint und so einseitig sie vor allem rezipiert wurde, es ist nicht zu verkennen, dass sie in ihren Analogien und Bildern, in ihren Träumen gleichsam, lebendige Energie enthält. Diese lebendige Energie gilt es wiederzuentdecken und wiederzuerwecken. •
Weitere Artikel
Experimentelle Philosophie – Der Stuhl muss brennen
Die experimentelle Philosophie will neue Antworten auf alte Fragen finden – indem sie einfach mal bei Nichtphilosophen nachfragt. Drei Experimente, die das Denken verändern: über Moral, Identität und die Philosophie selbst.
Seiner Zeit voraus
Der Philosoph K. C. F. Krause ist hierzulande so gut wie vergessen. Völlig zu Unrecht. Denn von heute aus betrachtet, wirken viele seiner Positionen geradezu prophetisch.
Walther Rathenau als Philosoph
Vor 100 Jahren fiel Walther Rathenau, Außenminister der Weimarer Republik, einem Attentat zum Opfer. Mit ihm starb nicht nur einer der beliebtesten Politiker des Landes, sondern auch ein vielgelesener Philosoph, der im Räderwerk der Moderne Spielräume der Intuition suchte. Seine Ideen zur Wirtschaftsplanung und Vereinigung Europas wirken bis heute nach.
Die Träume der Kraken
Ein brasilianisches Forschungsteam hat jüngst weitere Hinweise dafür gesammelt, dass Kraken träumen können. Faszinierend sind die Tiere jedoch nicht, weil sie Menschen so ähnlich wären, sondern im Gegenteil: Weil ihr psychisches System sich radikal von dem unserigen unterscheidet.
Fehlgeleitete Kritik aus Berlin
In einem „Brief aus Berlin“ kritisieren Wissenschaftler die Reaktion der Bundesregierung auf den Nahostkonflikt und den Umgang der Berliner Regierung mit Demonstranten. Die Kritik sei jedoch zu undifferenziert und tatsachenverzerrend, so Christian Thein in einem Gastbeitrag.
Elite, das heißt zu Deutsch: „Auslese“
Zur Elite zählen nur die Besten. Die, die über sich selbst hinausgehen, ihre einzigartige Persönlichkeit durch unnachgiebige Anstrengung entwickeln und die Massen vor populistischer Verführung schützen. So zumindest meinte der spanische Philosoph José Ortega y Gasset (1883–1955) nur wenige Jahre vor der Machtübernahme Adolf Hitlers. In seinem 1929 erschienenen Hauptwerk „Der Aufstand der Massen“ entwarf der Denker das Ideal einer führungsstarken Elite, die ihren Ursprung nicht in einer höheren Herkunft findet, sondern sich allein durch Leistung hervorbringt und die Fähigkeit besitzt, die Gefahren der kommunikationsbedingten „Vermassung“ zu bannen. Ortega y Gasset, so viel ist klar, glaubte nicht an die Masse. Glaubte nicht an die revolutionäre Kraft des Proletariats – und wusste dabei die philosophische Tradition von Platon bis Nietzsche klar hinter sich. Woran er allein glaubte, war eine exzellente Minderheit, die den Massenmenschen in seiner Durchschnittlichkeit, seiner Intoleranz, seinem Opportunismus, seiner inneren Schwäche klug zu führen versteht.
Der Traum lebt vom anderen
Im Schlaf mögen wir allein und isoliert wirken, doch auch dann sind wir soziale Wesen. Bereits in der Antike versuchten Menschen, im Schlaf ihre Probleme zu lösen, und für indigene Völker sind Träume ein natürlicher Raum der Interaktion. Wie erlangt unser nächtliches Leben Bedeutung, wenn nicht durch seine Interpreten? Wir träumen nie allein.
„Suzume“ – Mythos als Traumabewältigung
Ein lebendiger Stuhl mit drei Beinen, eine Naturkatastrophe und der frühe Tod einer Mutter. Das sind nur ein paar der Komponenten, aus denen der japanische Regisseur Makoto Shinkai Suzume einen „modernen Mythos“ kreiert hat. Der Film kommt nun in die deutschen Kinos.