Maria-Sibylla Lotter: „Man sollte Opfer als selbständige Subjekte behandeln“
Früher wurden Opfer abgewertet, heute wird ihnen zunehmend Mitgefühl und Aufmerksamkeit, manchmal gar Verehrung entgegengebracht, meint die Philosophin Maria-Sibylla Lotter. Ein Gespräch über einen Fortschritt mit Kehrseite, den Wandel des Traumabegriffs und die Fälle von Collien Fernandes und Gisèle Pelicot.
Frau Lotter, „Du Opfer“ ist auf Schulhöfen immer noch eine Beleidigung. Aber gesellschaftlich, argumentieren Sie, haben Opfer inzwischen eine starke Aufwertung erfahren, die bis zur Verehrung reichen kann. Wie ist es zu diesem Wandel gekommen?
Beides trifft zu: Dass „Opfer“ immer noch als Beleidigung gebraucht wird und dass Opfer eine Aufwertung erfahren haben. Die Aufwertung kann man in mehreren Etappen nachvollziehen. Das erste Stadium ist die Entstigmatisierung. Wenn man in die Kulturgeschichte schaut, dann sind etwa die weiblichen Opfer sexueller Gewalt in vielen Gesellschaften lange Zeit stigmatisiert gewesen, auch in Europa. Das hat sich erst im Laufe der Emanzipationsbewegungen in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts geändert, als in der Frauenbewegung in den Speak Outs sexuelle Gewalt öffentlich gemacht wurde und dadurch das Problem sexueller Gewalt als allgemeines gesellschaftliches Problem angesprochen wurde. Das ist erst mal eine Ent-abwertung, eine Entstigmatisierung. Hinzu kam aber auch ein positives Bild vom Opfer als aktivem Leidtragenden, das aktiv die Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse betreibt.
Wie ging diese Entwicklung weiter?
Spätere Formen der Aufwertung wurden durch die verspätete Rezeption der Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden in den späten Achtziger Jahren ausgelöst. Direkt nach dem 2. Weltkrieg wurde den Überlebenden der Konzentrationslager keine öffentliche Wertschätzung zuteil. Mit Ausnahme der jüdischen Widerstandskämpfer galten sie nicht als aktive Handelnde, sondern bloß passive Opfer. Auch in Frankreich wurden sie im Kontrast zu den Widerstandskämpfern kaum geachtet. Das hat sich erst im Laufe der späten 60er Jahre geändert, als der Autor und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel sich sehr erfolgreich bemühte, hier eine Umwertung vorzunehmen: im Sinne einer besonderen Wertschätzung von passiven Opfern, die unschuldig waren und nur verfolgt wurden, weil sie Juden waren. Diese Aufwertung von passiven Opfern hat das Opferverständnis allmählich verändert. In den späten Achtzigern ging der Opferbegriff dann eine Verbindung mit dem Traumabegriff ein. Seitdem werden Opfer nicht nur als geschädigt, sondern auch als psychisch verletzt, als traumatisiert wahrgenommen. Zugleich begannen die KZ-Überlebenden in dieser Zeit als Zeitzeugen in Erscheinung zu treten. Ihnen wurde besondere Autorität zugewiesen, was die moralischen Lehren angeht, die aus der Vergangenheit zu ziehen waren.
Die Wertschätzung von Holocaust-Überlebenden als Zeitzeugen, von denen Wichtiges über die Vergangenheit und für die Zukunft gelernt werden kann, ist doch offensichtlich gerechtfertigt. Was an der beschriebenen Entwicklung finden Sie problematisch?
Holocaust-Überlebende sind zentrale Zeugen der Geschichte. Ihre Erfahrungen sind für uns von hohem historischen Wert. Problematisch wird es, wenn man erwartet, dass aus ihrem Leid auch automatisch eine allgemeingültige moralische Orientierung für die Gegenwart entsteht. Diese Erwartung überfordert die meisten Betroffenen und kann dazu führen, aktuelle Konflikte vorschnell durch historische Analogien zu deuten.
Inwiefern hat sich dadurch ihrer Ansicht nach die allgemeine Wahrnehmung von Opfern verändert?
Sympathie und Wertschätzung gelten nicht mehr nur jenen, die sich bewusst für eine Sache Risiken aussetzen und dabei zu Opfern werden, sondern zunehmend gerade denen, die ohne eigenes Zutun betroffen sind. Das kann man an öffentlichen Gesten sehen wie der Ehrung der Bataclan-Opfer in Frankreich. Damals versuchte der Präsident ihnen den Orden der Ehrenlegion zu verleihen. Der Großkanzler des Ordens lehnte das ab, weil die Ehrung ausschließlich für besondere Verdienste um die Nation vorgesehen ist. Es wurde dann eine eigene Medaille für Terroropfer geschaffen. Auch sonst merkt man den Wandel im Umgang mit denen, die etwa öffentlich eine Opferrolle einnehmen. Erfundene Opferbiographien oder Vorfälle wie der erfundene Antisemitismusvorwurf von Gil Ofarim gäbe es nicht, wenn Opfer nicht mit besonderer öffentlicher Anteilnahme rechnen könnten.
Wenn wir über konkrete Beispiele aus unserer Gegenwart sprechen: Würden Sie sagen, Collien Fernandes und Gisèle Pelicot sind auch Beispiele dieser Opferverehrung?
Gisèle Pelicot würde ich eher in die Tradition der Speak Outs in den 60er, 70er Jahren rücken, bevor das passive Opfer das aktive teilweise übertrumpfte und es üblich wurde, Opfer als psychisch verletzt zu betrachten. Alle Ansprüche an sie, in die Rolle des zutiefst verletzten fragilen traumatisierten weiblichen Opfers zu schlüpfen, hat sie konsequent verneint. Sie hat stets darauf beharrt, selbst als eigenständiges Subjekt wahrgenommen zu werden. Die Tradition der Emanzipationsbewegung ist also heute noch lebendig – auch Collien Fernandes knüpft daran an, wenn sie öffentlich zum Protest aufruft, auch wenn sie zugleich ihre Verletzlichkeit dabei stärker hervorhebt als Pelicot.
Ich habe mich gefragt, ob diese Unterscheidung zwischen passivem Opfer und aktiv widerständigem Opfer überhaupt so klar zu treffen ist. Bei der MeToo-Bewegung etwa wurde das ja unterschiedlich bewertet. Manche haben gesagt, das sei ein Ausdruck von aktivem Widerstand und andere, es sei ein Verharren in der Opferrolle.
Ja, ich denke, beides mischt sich. Ich möchte nicht die These vertreten, dass es heute nur noch Menschen gibt, die in die passive Opferrolle schlüpfen und niemand mehr, der die eigene Verletzlichkeit zum Anlass nimmt, aktiv zu werden und auf ein soziales Problem hinzuweisen. Ich denke, in der MeToo-Bewegung ist der Impuls der traditionell emanzipatorische, nämlich auf ein Unrecht hinzuweisen, um damit etwas zu verändern. Aber da sich inzwischen auch die andere Interpretation der Opferrolle etabliert hat, kippt das mitunter in die andere Richtung.
Ist die Vorstellung eines passiven, unschuldigen und zugleich verehrten Opfers wirklich neu? Ist sie nicht tief im Christentum verankert, etwa im Bild des gekreuzigten Jesus?
Jesus würde ich nicht als passives Opfer verstehen. Die Jesuslegende ist vielschichtig. Einerseits ist er ein unschuldiges Opfer: jemand, der zum Opfer gemacht wurde, obwohl er nichts Falsches getan hat. Andererseits erfüllt er damit eine Rolle, die er bejaht: er nimmt nach der christlichen Deutung freiwillig die Schuld der anderen auf sich.
Sie schreiben, dass die „Therapie-Kultur“ eine bedeutende Rolle für die Aufwertung von Opfern spielt. Worin besteht das therapeutische Ideal im Umgang mit Opfern? Und warum ist es ein Problem, wenn sich dieses Ideal auf andere Kontexte ausweitet?
Es gibt im therapeutischen Kontext die therapeutische Haltung, dem Patienten erst mal wertfrei zuzuhören. Auch wenn die Therapeutin vielleicht nicht alles glaubt, wird sie dem Patienten erst mal nicht widersprechen, weil das dazu führen würde, dass er sich selbst zensiert. Überträgt man diese Haltung vom speziellen therapeutischen Raum auf die Öffentlichkeit, dann wird sie jedoch mit etwas anderem verwechselt -- mit einem öffentlichen Für-wahr-Erklären. Am Fall von Gil Ofarim sieht man, dass dieser Übergang gefährlich ist. Denn man hat es nicht mehr mit einer einzigen Person zu tun, die gehört und getröstet werden muss, sondern mit mehreren Personen, die in einem Konflikt stehen, und es muss überhaupt erst mal geklärt werden, was tatsächlich vorgefallen ist und welche berechtigten Interessen da eine Rolle spielen.
Hier würden viele entgegnen: Die Fälle, in denen sich Anschuldigungen als falsch herausstellen, sind selten, viel häufiger kommt es vor, dass die Aussagen von Betroffenen zu Unrecht angezweifelt werden. Was würden Sie erwidern?
Eine ganz aus der Luft gegriffene Beschuldigung wie bei Ofarim ist tatsächlich selten, aber subjektive Verzerrungen sind der Normalfall. Wenn mehrere an einem Ereignis beteiligt sind, hat jeder eine andere Version, auch ohne bewusst zu lügen. Aus gutem Grund haben wir ein Rechtswesen, das solche Aussagen auf ihren Tatsachengehalt überprüft. Gegen das Anzweifeln der Aussagen von Opfern hilft es nicht, ihre Aussagen für sakrosankt zu erklären, sondern Stereotypen von Opfern zu entkräften – etwa die Vorstellung, eine Vergewaltigung könne nur dann stattgefunden haben, wenn das Opfer danach ersichtlich psychisch gebrochen und außerstande zu alltäglichen Tätigkeiten ist. Diese Stereotypen zu entkräften, hat in den siebziger Jahren dazu geführt, dass die Strategien der Verteidigung gegen weibliche Vergewaltigungsopfer sich vor Gericht nicht mehr durchsetzen konnten.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sich die Begriffe für Verletzbarkeit und Gewalt in den letzten Jahren stark ausgedehnt haben. Das betrifft auch den Begriff des Traumas. Wie hat sich dieser Begriff verändert?
Der Traumabegriff kam in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf, als man beobachtete, dass etwa nach Eisenbahnunglücken einige Betroffene Symptome aufwiesen wie Flashbacks und Schlaflosigkeit. Damals nannte man das „traumatische Neurose“ und entwickelte die Vorstellung, dass es bestimmte Persönlichkeiten gibt, die dafür anfällig sind. In den 1970er Jahren suchten Psychiater nach einer Möglichkeit, den psychisch und sozial belasteten Vietnam-Veteranen auf der Grundlage einer psychiatrischen Diagnose eine Anerkennung ihres Kriegsleids zu verschaffen. Um 1980 wurde die Kategorie der „posttraumatischen Belastungsstörung“ eingeführt. Sie war damals verbunden mit der Vorstellung, dass nahezu alle Menschen, die bestimmten schrecklichen Ereignissen ausgesetzt sind, danach Traumasymptome entwickeln. Man stellte jedoch in den Jahren darauf fest, und das bestätigt sich bis heute, dass auch nach sehr schweren Unglücken nur ein Teil der Menschen davon traumatisiert ist. Traumata haben offensichtlich etwas mit Dispositionen zu tun. Obgleich die Kategorie PTBS entsprechend revidiert wurde, setzte sich allgemein die Vorstellung durch, dass Menschen generell durch äußere Ereignisse so verletzt werden können, dass sie sich danach nicht aus eigener Kraft psychisch regenerieren können, sondern der Therapie bedürfen.
Welche Auswirkungen hatte die Einführung dieser Diagnose?
Daraus speist sich ein neues Verständnis von psychischer Verletzlichkeit. Ich nenne das die „Laientheorie des Traumas“, die seitdem unglaublich populär geworden ist. Sie kennen das aus dem Fernsehen, aus den Krimis. Es kommen heute ganz wenige Narrative ohne irgendeinen Trauma-Plot aus. Entsprechend hat sich auch der Fokus vom autonomen, selbstverantwortlichen Subjekt heute ein beträchtliches Stück verschoben zu einem verletzlichen Wesen, das des Schutzes durch andere bedarf. Auch der Gewaltbegriff hat sich mit dem Trauma-Begriff immer weiter ausgedehnt. Das führt zu einem anderen Verständnis der sozialen Welt. Wenn etwa Beleidigungen nicht nur als Beleidigungen, sondern als verbale Gewalt zählen, also mit physischer Gewalt gleichgesetzt werden, dann wirkt die soziale Welt viel gefährlicher.
Eine interessante Beobachtung in Ihrem Buch ist, dass der Begriff des Traumas heute stark mit Unschuld assoziiert ist. Aber wenn man sich den Ursprung der Diagnose anschaut, ist dieser Zusammenhang nicht gegeben. Die traumatisierten Vietnam-Veteranen haben ja in vielen Fällen selbst Menschen getötet.
Es kommt ganz darauf an, von welcher Beschreibung man ausgeht. Man könnte die Aufmerksamkeit auch darauf richten, dass sie nicht freiwillig in den Krieg gezogen sind und sie sozusagen als Opfer der Politik betrachten. Und als Opfer von Vorgesetzten, die militärische Maßnahmen anordneten, die die einfachen Soldaten moralisch nicht bewältigen konnten. Eine psychische Belastung wird oft verstanden als Anzeichen dafür, dass das moralische Gewissen etwas nicht aushält. Kurz, damals konnte man die Veteranen je nach Perspektive sowohl als Täter als auch als Opfer verstehen. Mit zeitlichem Abstand ging der Traumabegriff in der Laientheorie des Traumas jedoch zunehmend eine exklusive Verbindung mit dem Opferbegriff ein: Opfer wurden zunehmend als traumatisiert gedacht, Täter hingegen nicht mehr. Das hängt damit zusammen, dass wer als ‚traumatisiert‘ gilt, mit Mitgefühl und Unterstützung rechnen kann. So entfernte man sich allerdings zunehmend von der Realität, denn auch Täter können durch ihre eigenen Taten traumatisiert werden, ohne dass das ein Anzeichen dafür ist, dass sie die Taten moralisch für falsch halten. Davon ging anscheinend schon Himmler in seiner Posener Rede aus. Himmler fand es schrecklich, dass die Soldaten zehn Stunden am Tag hilflose Frauen und Kinder und Alte erschießen mussten. Er ging davon aus, dass man diese Taten nervlich auf Dauer nicht aushält.
Wenn man Ihr Buch liest, gewinnt man den Eindruck, der Opferkult werde vor allem von linken Kräften vorangetrieben. Aber sind Opfernarrative nicht unter Rechten genauso verbreitet? Und wenn ja, was unterscheidet sie von linken Opfernarrativen?
Opferkult ist kein Begriff, den ich gebrauche. Ich spreche von Therapiekultur und einer Veränderung und Aufwertung des Opferbegriffs. Die Expansion der Verletzlichkeit ist eine sehr breite kulturelle Richtung, die im Bereich der Erweiterung der psychiatrischen Begriffe so gut wie alle gesellschaftlichen Gruppen erfasst. Allerdings könnte es speziell bei der Erweiterung der moralischen Begriffe eine gewisse Spaltung zwischen Teilen der Bevölkerung geben. Ich würde nicht direkt sagen rechts und links, sondern zwischen den Teilen, die angedockt sind an den Bildungsbereich und denen, die es nicht sind. Denn die Erweiterung moralischer Begriffe geht wesentlich von akademischen Diskussionen aus.
Gibt es hier also keine unterschiedlichen Entwicklungen auf rechter und linker Seite?
Die Vorstellung vom traumatisierten Opfer und verletzten Opfer wird wohl auf der rechten Seite weniger angeeignet. Zum Beispiel ist Trump ja der Überzeugung, dass noch nie in der Geschichte der Menschheit jemand so unfair behandelt wurde wie er. Aber er würde nie sagen, „deswegen bin ich geschwächt“. Wenn Rechte sich als Opfer verstehen, dann häufiger im klassischen Sinne als diejenigen, die zu Unrecht von anderen unterdrückt werden – in dieser Hinsicht spielt der Opferbegriff, auch der Begriff der Diskriminierung mittlerweile auch in der amerikanischen Rechten eine wichtige Rolle.
Gilt das auch für die deutsche Rechte?
Mir ist eine identitätspolitische Opferrhetorik auch schon bei Rechtskonservativen begegnet. Ein kurioses Beispiel: Als die Grünen noch an der Regierung beteiligt waren, unterhielt ich mich einmal mit einer Gruppe von Leuten, von denen einige der AFD nahestanden, und einer davon echauffierte sich über Annalena Baerbock und die Grünen. Ich machte mich dann ein bisschen über die AfD lustig. Und da flippte derjenige, der sich gerade sehr aggressiv über Baerbock geäußert hatte, völlig aus und fand das moralisch ganz, ganz übel von mir. Und ich sagte: „Ja, aber Sie haben sich doch selbst gerade viel schärfer über die Grünen echauffiert. Wieso darf ich dann nichts gegen die AfD sagen?“ Das könne man doch überhaupt nicht gleichsetzen, meinte er, denn die Grünen seien ja an der Macht. Deshalb müssen sie auch Kritik aushalten. Aber auf diejenigen, die wie die AfD immer beschimpft und ausgegrenzt werden, nochmal einzutreten -- das ginge überhaupt nicht. Das ist ein identitätspolitisches Denken, das ich vorher immer mit linker Identitätspolitik assoziiert hatte: Die Annahme, dass diejenigen, die jeweils benachteiligt sind, mit Samthandschuhen angefasst werden müssen und diejenigen, die die Macht haben, ganz anders behandelt werden können. Aber ich habe keine Ahnung, wie verbreitet das in rechtskonservativen Kreisen ist.
Letzte Frage: Wie würde Ihrer Meinung nach ein besserer Umgang mit Verletzlichkeit und Opfern aussehen?
An der beschriebenen Entwicklung finde ich erst mal positiv, dass man auf Verletzlichkeit heute nicht mehr mit Verachtung reagiert, sondern mit Mitgefühl und Fürsorge – und das psychische Erkrankungen entstigmatisiert sind. Aber man sollte niemand auf die Opferrolle reduzieren – noch Menschen das vergiftete Angebot machen, sich selbst mit der Opferrolle zu identifizieren, weil sie dann mit besonderer Aufmerksamkeit rechnen. Man sollte Opfer wie alle anderen als selbstständige Subjekte behandeln, die bestimmte eigene Interessen haben, die sie aber auch mit den berechtigten Interessen anderer abklären müssen. •
Maria-Sibylla Lotter studierte in Freiburg, Berlin und St. Louis Philosophie, Religionswissenschaft und Ethnologie. 2010 habilitierte sie sich in Zürich, seit 2014 ist sie an der Ruhr-Universität Bochum Professorin für Ethik und Ästhetik. Jüngst erschien von ihr „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“ bei Hanser.
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