Staatlicher Zwang oder republikanische Tugend?
Wie weit darf die Macht des Staates reichen, damit Bürgerinnen und Bürger sich fürs Gemeinwohl engagieren? Sollten wir auf die Pflicht setzen? Oder auf Freiwilligkeit? Thea Dorn und Stefan Gosepath sind uneins: Während die Schriftstellerin eine Rückkehr zu republikanischen Tugenden fordert, steht der Philosoph einem staatlichen Zwang positiver gegenüber.
Svenja Flaßpöhler: Frau Dorn, Herr Gosepath, von Peter Sloterdijk stammt die Formulierung: „Der Staat streift seine Samthandschuhe ab.“ Er bezog sich damit auf die staatlichen Verordnungen während der Coronakrise. Was halten Sie von der Samthandschuh-Metapher?
Thea Dorn: Ich würd’s gerne erst einmal umdrehen: Die Vorstellung von einem Staat mit Samthandschuhen ist mit Blick auf die Philosophiegeschichte ja höchst merkwürdig. Denken Sie an den Leviathan bei Hobbes. Der hatte ganz bestimmt keine Samthandschuhe an. Samthandschuhe tragen Kellner in Edelrestaurants.
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