Wem gehört die Erde?
„Nobody is illegal on stolen land!“, protestierte kürzlich die Sängerin Billie Eilish, der man mit Blick auf ihre Intention sofort recht geben möchte. Doch wem gehört die Erde eigentlich? Eine historisch-philosophische Analyse mit Rousseau, Locke und Bruno Latour.
Damit ein Diebstahl vorliegt, muss es zuvor einen geschädigten Eigentümer geben. Hier stößt beispielsweise die Debatte über die Eroberung Amerikas auf ein rechtliches und logisches Paradoxon. Den Kolonisatoren vorzuwerfen, sie hätten den amerikanischen Ureinwohnern das Land „gestohlen“, setzt voraus, dass diese sich als rechtmäßige Eigentümer betrachteten.
Zahlreiche ethnohistorische Forschungen, insbesondere die des Historikers William Cronon in seinem Buch Changes in the Land (1983), zeigen jedoch, dass ihnen das europäische Konzept des Landbesitzes fremd war: So sollte das Land für die Algonkin oder Irokesen nicht als ein Gut betrachtet werden, das man ausschließlich und dauerhaft besitzen konnte, sondern eher als etwas, das Gegenstand dessen ist, was unsere heutigen Juristen als Nießbrauch bezeichnen: ein Recht auf vorübergehende Nutzung (im Zusammenhang mit der Jagd, dem Fischfang oder dem Anbau). Das Land war eine lebendige Umgebung, ein Gemeingut, dessen Früchte allen gehören und über das jeder frei nach den Bedürfnissen der Jahreszeit verfügen kann, ohne dass jemand Anspruch darauf erheben kann, es im juristischen Sinne zu besitzen.
Folgt man dieser Logik, ist die Vorstellung von „Diebstahl“ ein offensichtlicher Widerspruch: Man kann nicht stehlen, was nach dem Verständnis derjenigen, die dort leben, niemandem gehört, genauso wenig wie man heute seinem Nachbarn vorwerfen kann, die Luft zu stehlen, die man atmen möchte, die aber weder einem selbst noch ihm gehört. Das Drama der Aneignung des amerikanischen Landes sollte weniger als Diebstahl denn als grundlegende Meinungsverschiedenheit über zwei unterschiedliche Arten der Beziehung zur Erde betrachtet werden: die eine, in der die Erde ein Partner ist, die andere, in der sie zu einer Ware wird.
Rousseau oder die Heuchelei des Pfahls
Diese Frage betrifft das Privateigentum als Art der Beziehung zur Welt. Jean-Jacques Rousseau hat dies gut verstanden: In seiner Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (1755) identifiziert er genau diesen schädlichen Wendepunkt, an dem die Menschheit glaubte, sich das aneignen zu dürfen, was bis dahin als Gemeingut galt:
„Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen ‚Dies gehört mir‘ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: ‚Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört!‘“
Für Rousseau ist diese Aneignung eher eine Veruntreuung als ein Diebstahl im eigentlichen Sinne, aber ihre Folgen sind nicht weniger schwerwiegend. Eigentum ist kein Naturrecht, sondern eine gelungene Täuschung, ein Akt der Gewalt, der die ursprüngliche Harmonie zerstört hat, um ein Recht des Stärkeren einzuführen, das als Zivilrecht getarnt ist. Mit dem Setzen seiner Pfähle hat der erste sogenannte „Eigentümer und Bewohner“ nicht nur die Zivilgesellschaft begründet, sondern auch den Weg für spätere bewaffnete Eroberungen geebnet, d. h. für Handlungen, durch die die Kolonisten die gemeinsame Welt in reservierte Gebiete und anderes Privateigentum verwandelt haben.
Locke und die Ausbeutung durch Arbeit als Rechtfertigung für die koloniale Eroberung
Während Rousseau den Verlust des Gemeinguts beklagt, legt John Locke ein Jahrhundert zuvor den Grundstein für das, was später zum Motor der kolonialen Expansion und des angelsächsischen Rechts werden sollte. In seiner Zweiten Abhandlung über die Regierung (1690) stellt Locke eine revolutionäre Theorie auf: Arbeit ist die Grundlage des Eigentums. Seiner Meinung nach hat Gott den Menschen die Erde gemeinsam gegeben, aber damit sie nützlich ist, muss der Mensch seine Arbeit „einbringen“. Wenn ich ein Feld bebaue oder auch nur eine Weide einzäune, füge ich der Erde etwas hinzu, das mir gehört (meine Arbeit), und damit wird die Erde mein Eigentum.
Diese Position diente als moralische und rechtliche Rechtfertigung für die Kolonialisierung: Die fleißigen Kolonisten betrachteten das Land der amerikanischen Ureinwohner als terra nullius – als „Niemandsland“, das noch nicht beansprucht war, da es nicht nach europäischen landwirtschaftlichen Standards eingezäunt oder bewirtschaftet wurde. Wo die Ureinwohner einen heiligen Wald sahen, sahen Locke und seine Erben eine „Verschwendung“, die durch menschliche Arbeit verwertbar gemacht werden konnte. Auf dieser Locke'schen Vorstellung basiert das heutige Eigentumsrecht als Erweiterung der individuellen Freiheit, wodurch die Eroberung „legitim“ wird – sobald sie eine wirtschaftliche Verwertung verspricht. Indirekt im Namen derselben Logik strebt auch Donald Trump danach, Grönland in Besitz zu nehmen, da seiner Meinung nach weder die Ureinwohner noch die Dänen es wirklich nutzten.
Mit Bruno Latour in der kritischen Zone landen
Aber gehört diese Meinungsverschiedenheit zwischen Rousseau und Locke nicht längst der Vergangenheit an? Angesichts der Klimakrise fordert uns der Philosoph Bruno Latour auf, unsere Perspektive radikal zu ändern. Für ihn geht es gar nicht mehr darum, wem die Erde gehört, denn der Begriff „Erde“ ist ebenso ungenau und überholt wie die Idee des Bodenrechts: In Wirklichkeit leben wir vielmehr in dem, was er als „kritische Zone“ („critical zone“) bezeichnet, nämlich jener dünnen, wenige Kilometer dicken Schicht zwischen dem tiefen Gestein und der unteren Atmosphäre, in der Leben möglich ist.
Die kritische Zone lässt sich jedoch nicht auf eine einfache geometrische Fläche im Kataster oder auf ein Objekt der Grundstücksspekulation reduzieren; sie ist weder ein Boden noch ein Territorium, das man erobert, sondern eine lebende, fragile und äußerst komplexe Membran. Latour behauptet, dass die Idee, ein Gebiet zu „besitzen“, eine Illusion der Moderne ist, da wir keine Eigentümer, sondern „Erdbewohner“ unter vielen anderen sind; „Terrestrier“, die mit einer Vielzahl von Nicht-Menschen (Bakterien, Pflanzen, Tieren, Böden, Klimazyklen ...) zusammenleben.
In diesem Bereich wird Privateigentum zu einem veralteten, ja sogar gefährlichen Begriff. Wir besitzen den kritischen Bereich nicht, wir sind von ihm abhängig. Die Eroberung eines Territoriums wäre also kein Diebstahl, sondern ein fataler Kategorienfehler: Man kann nicht stehlen, wovon man nur abhängig ist. Wenn Billie Eilish oder indigene Bewegungen eine Rückkehr zum Land fordern, dann vielleicht nicht, um im Sinne von Locke dessen neue Eigentümer zu werden, sondern um das „Zusammenleben“ wiederherzustellen, das Latour sich wünscht. Die Erde gehört uns nicht. Nicht weil sie anderen gehört, sondern weil wir im Grunde genommen ihr gehören. Ohne Eroberungsgeist und ohne demütige Reue wäre es heute daher am besten, das zu tun, was Latour als „landen“ bezeichnet. •
Übersetzt aus dem Französischen
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