Darf ich egoistisch sein?
Der Egoismus gilt vielen als zwar natürliche, aber doch problematische Einstellung des Menschen. Sollten wir uns von ihm leiten lassen?
Ja, es ist sogar meine moralische Pflicht
Ayn Rand
1905–1982
Als überzeugte Libertäre befürwortet Ayn Rand einen „rationalen Egoismus“: Das Verfolgen des Eigeninteresses, das Einstehen für eigene Werte und die Befreiung von den Wünschen der anderen sind für sie zentrale moralische Pflichten. Der Idealtyp eines rationalen Egoisten ist der kapitalistische Unternehmer, der Kosten und Nutzen mit emotional ungetrübtem Blick abwägt und so für sich (oder seine Firma) den größtmöglichen Mehrwert erzielt. Der Al -truismus hingegen ist laut Rand „ein Moralsystem, das lehrt, dass der Mensch kein Recht hat, um seiner selbst willen zu existieren“. Nächstenliebe, Selbstaufopferung und andere christlich geprägte Werte lehnt Rand konsequent ab. Wer ihnen anhängt, vergeht sich an der Freiheit und Würde des Menschen.
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Ayn Rand und der Egoismus
Heute vor 42 Jahren starb die russische Philosophin Ayn Rand, die in den USA als Ikone des Libertarismus gilt. Ihr Credo: Es lebe der „rationale Egoismus“. Der Philosoph Dominique Lecourt und der Unternehmer Peter Thiel stellen Rands Denken und Leben vor.
Gibt es einen guten Tod?
Es ist stockdunkel und absolut still. Ich liege auf dem Rücken, meine gefalteten Hände ruhen auf meinem Bauch. Wie zum Beweis, dass ich noch lebe, bewege ich den kleinen Finger, hebe ein Knie, zwinkere mit den Augen. Und doch werde ich, daran besteht nicht der geringste Zweifel, eines Tages sterben und wahrscheinlich genauso, wie ich jetzt daliege, in einem Sarg ruhen … So oder so ähnlich war das damals, als ich ungefähr zehn Jahre alt war und mir vor dem Einschlafen mit einem Kribbeln in der Magengegend vorzustellen versuchte, tot zu sein. Heute, drei Jahrzehnte später, ist der Gedanke an das Ende für mich weitaus dringlicher. Ich bin 40 Jahre alt, ungefähr die Hälfte meines Lebens ist vorbei. In diesem Jahr starben zwei Menschen aus meinem nahen Umfeld, die kaum älter waren als ich. Wie aber soll ich mit dem Faktum der Endlichkeit umgehen? Wie existieren, wenn alles auf den Tod hinausläuft und wir nicht wissen können, wann er uns ereilt? Ist eine Versöhnung mit dem unausweichlichen Ende überhaupt möglich – und wenn ja, auf welche Weise?
Und woran zweifelst du?
Wahrscheinlich geht es Ihnen derzeit ähnlich. Fast täglich muss ich mir aufs Neue eingestehen, wie viel Falsches ich die letzten Jahre für wahr und absolut unumstößlich gehalten habe. Und wie zweifelhaft mir deshalb nun alle Annahmen geworden sind, die auf diesem Fundament aufbauten. Niemand, dessen Urteilskraft ich traute, hat den Brexit ernsthaft für möglich gehalten. Niemand die Wahl Donald Trumps. Und hätte mir ein kundiger Freund vor nur zwei Jahren prophezeit, dass im Frühjahr 2017 der Fortbestand der USA als liberaler Rechtsstaat ebenso ernsthaft infrage steht wie die Zukunft der EU, ich hätte ihn als unheilbaren Apokalyptiker belächelt. Auf die Frage, woran ich derzeit am meisten zweifle, vermag ich deshalb nur eine ehrliche Antwort zu geben: Ich zweifle an mir selbst. Nicht zuletzt frage ich mich, ob die wundersam stabile Weltordnung, in der ich als Westeuropäer meine gesamte bisherige Lebenszeit verbringen durfte, sich nicht nur als kurze Traumepisode erweisen könnte, aus der wir nun alle gemeinsam schmerzhaft erwachen müssen. Es sind Zweifel, die mich tief verunsichern. Nur allzu gern wüsste ich sie durch eindeutige Fakten, klärende Methoden oder auch nur glaubhafte Verheißungen zu befrieden.
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