Algerische Schatten
Mit Der Fremde inszeniert François Ozon den existenzialistischen Urstoff Albert Camus’ neu und legt seine politische Dimension offen.
Eine verschwommene Figur rückt, von zwei Wächtern geführt, langsam in den Fokus. Auf die Frage, warum er festgenommen wurde, antwortet Meursault (Benjamin Voisin) seinen arabischen Mitgefangenen lapidar: „Ich habe einen Araber getötet.“ Derart programmatisch führt François Ozons Film Der Fremde, der dieses Jahr auf den Filmfestspielen in Venedig Premiere feierte, den berühmt gewordenen Charakter aus Camus’ gleichnamigem Roman ein. Der Film folgt Meursault im Algerien der 1930er-Jahre zur Beerdigung seiner Mutter, durch die sonnendurchfluteten Straßen Algiers an den Strand und ins Kino, wo er eine Affäre mit seiner Bekannten Marie beginnt. Meursault geht distanziert und ostentativ gelangweilt durch sein Leben, der Tod seiner Mutter ruft ebenso wenig eine Gefühlsregung hervor wie die Frage Maries, ob er sie liebe. Einzig die drückende Hitze scheint ihn zu belasten. Es ist diese metaphysische Langeweile, die Camus berühmt machte und die Ozon in eleganten Schwarz-Weiß-Bildern einfängt.
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