Instinkt und Intellekt
Rechte geben „einfache Antworten“ auf „komplexe Fragen“? Im Gegenteil: Rechte lieben es kompliziert und theoretisch. Möglicherweise trägt das zu ihrem Erfolg bei.
Im rechtsradikalen Antaios-Verlag erschien vor einigen Monaten ein Büchlein mit dem Titel Die nominalistische Wende. Ein Credo. Es handelt sich um den Wiederabdruck eines Debattenbeitrags aus den 1970er-Jahren. Der Autor Armin Mohler, Vordenker der Neuen Rechten, plädierte für eine Rückkehr zum Konkreten, Lebensnahen, Greifbaren. Wissenschaft, Technik, Staat, moderne Malerei – überall sah er sich von Abstraktionen umgeben, die das Urteil trüben. Dagegen setzte Mohler, der Kunsthistoriker, auf das sinnlich Wahrnehmbare, das Nahe, Unabweisbare, was die Augen erspähen und die Ohren hören. Man könnte auch sagen: Mohler wollte den gesunden Menschenverstand rehabilitieren.
Mittelalterlicher Universalienstreit
So weit, so bekannt aus dem konservativen Milieu, das sich seit jeher schwertut mit den Abstraktionen der Moderne wie Kapital, Klasse, Menschenrechte, verrechnendes Denken und technologische Systemwelten. Allerdings versäumte es Mohler nicht, sein Hohelied auf das echte Einzelleben philosophiegeschichtlich anzubinden – und zwar an die vielleicht größte Debatte des Abendlandes: den mittelalterlichen Universalienstreit. Im 11. Jahrhundert entbrannte in Europa ein Streit darüber, ob den Begriffen wie Mensch, Gott oder der Farbe Rot eine eigene Existenz zukomme. Gehen sie den Einzeldingen voraus? Wird die Welt von Oberbegriffen strukturiert? Zum Beispiel Gott, dem Superbegriff? Diese mittelalterliche Mehrheitsmeinung vertrat etwa Anselm von Canterbury: Begriffe sind Wirklichkeit. Sein Gegner Roscelin widersprach: Er hielt nur sinnlich wahrnehmbare Gegenstände für wirklich, alles andere ist lediglich ein „Hauch der Stimme“.
Nicht wenige deuteten dies als Frontalangriff auf Gott. Roscelin musste widerrufen, aber der Nominalismus war nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Im Laufe der Neuzeit gewann die nominalistische Position allmählich an Boden. Emsiges Beobachten und Überprüfen wurde zum Trend der entstehenden Wissensgesellschaft. Doch in den Augen der Konkretlinge entstanden nach dem Abtritt Gottes neue Universalien: Hirngespinste wie Klasse, Menschenrechte und Moral, weshalb es immer wieder nominalistische Gegenstöße gab – zuletzt etwa den Positivismus und die Phänomenologie.
Mit seinem Text schlug sich Mohler auf die Seite Roscelins. Er traut nur seinen Augen. Und die Rechte soll die Partei der Augenfreunde sein. Damit werden wir im Laufe dieses geschickt arrangierten Büchleins Zeugen einer echt Mohlerschen Denkbewegung: Das Naheliegende wird durch weites Ausgreifen erreicht. Der gesunde Menschenverstand erhält die Weihen der Philosophie. Dass man zum Beispiel abstrakte Kunst nicht ausstehen kann, wird zur Stellungnahme in einer abendländischen Grundkontroverse. Der Intellekt veredelt den Instinkt.
Vermählung von Instinkt und Intellekt
Dass Mohler damit keineswegs allein dasteht und neben seiner Funktion als Vordenker auch Vorperformer der neuen Rechten ist, zeigt ein Blick in die Gegenwart: Auch hier finden wir den Gestus der Vermählung von Instinkt und Intellekt im rechten Lager. Funktionieren nicht Trump und Vance nach dem arbeitsteiligen Modell von Bauchgefühl und Kopfgeburt? Der eine plappert, der andere sagt, warum dieser gut geplappert hat. Noch interessanter wird es, wenn wir das Regierungsumfeld betrachten. Dort tummeln sich Figuren wie Peter Thiel, der Vance durch Millionenspenden zum Vizepräsidenten gemacht hat. Thiel ist ein umtriebiger Milliardär, der in seiner Freizeit Philosophiebücher wälzt. Seine eigene Theorie von der Wiederkehr des Antichristen im Gewand des Weltstaates hat er in Seminaren über René Girard an der Stanford University entwickelt. Seit einiger Zeit reist Thiel durch die Welt und hält „Geheimvorträge“ über den Antichristen – die dann irgendwie doch an die Öffentlichkeit gelangen. Philosophen, Theologen und Anthropologen sind seine Sparring-Partner, an denen er die intellektuellen Messer wetzt. Offenbar reicht es Thiel nicht, seine rechte Lehre – Grenzen zu und Demokratie abwickeln! – durch Geld an die Macht zu bringen. Er will auch an ihr arbeiten, auf ihr rumdenken, sie begründen und zum Leuchten bringen.
Apropos Antichrist, und damit kehren wir nach Deutschland zurück: Kurz nach der Maduro-Entführung durch amerikanische Truppen aus Caracas frohlockte Maximilian Krah von der AfD auf Twitter: „Die Großraumordnung - ‘Denken in Einflusszonen‘ - ist da. Und darauf ist in Deutschland nur die AfD vorbereitet.“ – Eine eindeutige Anspielung auf den rechten Großraumologen Carl Schmitt, der sich im 20. Jahrhundert gegen die liberale „Einheit der Welt“ stemmte. Schon zuvor hatte Krah immer wieder mit Schmitt-Tweets auf sich aufmerksam gemacht: „‘Man muß für jede Epoche der letzten 2025 Jahre den Katechon nennen können. Der Platz war niemals unbesetzt, sonst wären wir nicht mehr vorhanden.‘ Carl Schmitt“, ließ Krah seine Follower am 13. Februar 2025 wissen. Und am 28. November legte er sich fest: „Es kann kein Zweifel bestehen: Donald Trump ist der Katechon unserer Zeit“.
Große Geste und Gang aufs Ganze
Typisch daran für den neurechten Gestus unserer Tage: Statt mit einer nüchtern-geopolitischen Analyse, feingestrickten Argumenten oder drögen Statistiken, kommt Krah mit Schmitt um die Ecke, und zwar mit dessen funkelndsten Theorieversatzstücken, die die Großraumordnung ins messianische Licht des Aufhalters allen Unheils taucht. So wird Trump zum Erfüllungsgehilfen des Weltgeistes. Alles wird eine Nummer größer, bedeutungsvoller, die Maduro-Entführung zur messianischen Tat.
Möglicherweise haben wir die Rechte immer falsch verstanden. Möglicherweise ist sie keine Ansammlung von „terribles simplificateurs“, die „einfache Antworten auf komplexe Fragen geben“, wie es immer so schön heißt. Möglicherweise ist es genau umgekehrt: Die Rechten sind raffinierte Verkomplizierer, die komplexe Antworten auf einfache Fragen geben. Sie haben für alles eine Theorie, die uns den Gang der letzten tausend Jahre erklärt. Und zwar nicht nur die Intellektuellen im Hintergrund, sondern auch die Parteikader, die in regem Austausch mit den Auguren stehen. Freilich passt dabei nicht immer alles zusammen: Die Krah-Thielsche Apokalyptik und Mohlers Nominalismus widersprechen sich – Mohler war ein ausgemachter Christenfeind –, aber was sie verbindet, ist die große Geste, der Gang aufs Ganze, die Gewissheit, an einer gigantischen Sache mitzuwirken.
Ist dies vielleicht sogar ein Grund für den Erfolg der Rechten? Das Oszillieren zwischen Instinkt und Intellekt könnte dazu beitragen, dass auch einfache Parolen mit etwas mehr Schmackes vorgetragen werden. Der große intellektuelle Bogen vergoldet das Gesagte, zaubert Sinn und Auftrag in das Alltagsgeschäft der Politik. So entsteht ein Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann, wie auch die ZEIT einräumen musste, als sie einem Gespräch zwischen Krah und Kubitschek lauschte und zu dem Schluss kam: Die Rechte redet doch wirklich am interessantesten über Politik.
Vielleicht sollten die anderen Parteien dies auch tun – herumtheoretisieren. Sie versuchen in der Regel, ihre Politik wissenschaftlich zu fundieren, setzen auf Ökonomen und andere Sozial- und Naturwissenschaftler. Aber wo ist der Zauber der deutenden Theorie in ihren Reden? Als die Sozialdemokratie erfolgreich war – Anfang des 20. Jahrhunderts – hatte sie ihn. Rosa Luxemburg und Lenin waren große Geschichtenerzähler, die ahnten, wohin die Weltgeschichte steuert. Auch die Grünen wurden in ihrer goldenen Ära Ende der 2010er-Jahre von Robert Habeck angeführt, der philosophisch gern mal einen raushaute. Und ist nicht der erfolgreichste Grüne aller Zeiten, Winfried Kretschmann, ein ausgemachter Arendt-Fan, der seiner Alltagspolitik im Ländle einen höheren Sinn zu geben versteht? Beruht der ganze Zauber Sahra Wagenknechts nicht darauf, dass sie erklären kann, wie Hegel und Goethe sie zur Kommunistin gemacht haben? Und war nicht auch Christian Lindner eine solche Figur? Möglicherweise braucht es ein wenig mehr Deutung, Spekulation und verwegene Thesen, jede Partei sollte eine Chef-Hermeneutikerin, einen Oberspekulanten vom Dienst haben, der Gesetzesvorhaben zur Arbeit am Absoluten erklärt. Denn darin besteht der Reiz der Theorie – in ihrem Versprechen, dass es um etwas ganz Großes geht. •
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