Die Nonchalance des Bösen – Überlegungen zu den Epstein Files
Die veröffentlichten Epstein-Akten zeugen von einer Form des Bösen, die unbeeindruckt lässig ist. Gerade darin offenbart sich ihre Grausamkeit, zeigt der Philosoph Thomas J. Spiegel.
Als Hannah Arendt im Jahr 1961 dem Eichmannprozess beisaß, wurde ihre Erwartung von Eichmann als eines moralischen Monsters epischer, literarischer Größe enttäuscht. Arendt prägte darauf bekanntermaßen den Ausdruck der Banalität des Bösen: Tiefes Übel kommt oft von gewöhnlichen Menschen, die bürokratisch Vorschriften folgen ohne dämonischen Willen. Auch wenn Arendt sich eventuell von Eichmanns kalkulierter Performance etwas blenden ließ, ließ und lässt sich dieses Profil des gedankenlosen Schreibtischtäters (nicht nur) im NS-Staat antreffen.
Die Enthüllung der sogenannten Epstein Files der letzten Wochen konfrontiert uns mit etwas anderem. Man könnte meinen, dass es hier bloß um einen politischen Skandal, Korruption und Verbrechen geht. Das kennen wir, daran sind wir gewöhnt. In den Epstein Files zeigt sich aber eine besondere Form des Bösen. Man kann sie Nonchalance des Bösen nennen. Nonchalance ist unbeeindruckte Lässigkeit, ruhige Selbstverständlichkeit, unbekümmerte Eleganz. Mit solcher Nonchalance können wir aus den Epstein Files tiefe, markerschütternde Grausamkeit herauslesen. Es ist eine seltene Qualität des Bösen.
Geflecht von Codewörtern
Die globale Elite hat in den Epstein Files ein diffiziles Geflecht von Codewörtern entwickelt, das für Außenstehende nur schwer zu durchschauen ist. Es ist daher nicht ganz einfach zu sagen, wovon die Epstein Files überhaupt im Einzelnen handeln. Was bloß Verschwörungstheorie ist, was vernünftige Mutmaßung, was eindeutige Tatsache, lässt sich noch nicht abschließend beurteilen, zumindest nicht mit juristischer Sicherheit.
Die Nonchalance, mit der Epstein und seine Freunde sich zu ihren Verbrechen verhalten, sehen wir in der Form des Kontakts. Die Emails sind voller Rechtschreibfehler, schlampiger Syntax, bruchstückhafter Notizen. Es ist ein Ton zwischen Chat, Witz und Organisation. Der Ton ist der eines WhatsApp-Gruppenchats einer alten Freundesgruppe, die einen gemeinsamen Geburtstag planen will. Epstein und seine Freunde haben sich in erster Linie minderjährige und junge Frauen zu ihren Opfern gemacht. Diese Nachrichten zu Menschenhandel, Vergewaltigung, Folter sind zwischen Tür und Angel einhändig auf Smartphones geschrieben worden. Einer der kältesten Sätze Epsteins ist: „where are you? are you ok, I loved the torture video” [sic] geschrieben 2009 an einen Täter, dessen Namen das FBI zensiert hat.
Aus der Geschichte kennen wir megalopsychische Zurschaustellung von Grausamkeit: Kreuzigungen, Hexenverbrennungen, das Kollosseum, Vlad Tepes‘ Felder voll Gepfählter, totalitäre Schauprozesse mit Exekutionen. Solche Grausamkeit ist symbolisch, emotional überhöht, fast bombastisch. Und sie hat wenigstens noch eine gewisse soziale Funktion: die Verbreitung von Schrecken, das Abschrecken zur Verhaltenskontrolle anderer. Dagegen erscheinen die in den Epstein Files dokumentierten Gräueltaten einer globalen Elite vor allem privat, unspektakulär, zweckfrei, fast harmlos hedonistisch anmutend. Die Welt ist Zeuge geworden eines megareichen Freundeskreises, der widerlichste Grausamkeiten zelebriert. Die Epstein Files zeigen eine totale Entgleisung dieser Clique Megareicher, die sich zu großem Teil im Willen zur Beherrschung von Frauen zeigt. Es ist ein ausufernder Reichtum, ein Exzess an Luxus, ein Nicht-den-Hals-voll-Kriegen. Wenn Wohlstandsverwahllosung eine überzeichnete, karikaturhafte Endform hat, dann finden wir sie in diesen Millionen Dokumenten. Es gibt hier keinen Grund, keinen tieferen Sinn, keine ideologischen Hintergedanken. Es geht allein um die Freude an der eigenen Lust ohne Hemmungen.
Nonchalantes Verhältnis zur Unmenschlichkeit
Manchmal bringen Kommentatoren Epsteins Gräueltaten mit Pasolinis 120 Tage von Sodom – basierend auf de Sades Buch – in Parallele. Dieser Vergleich trifft es nicht ganz. In den 120 Tagen von Sodom ist das Übel in eine ritualisierte Form gebracht und ideologisch aufgeladen. Die Libertines handeln nach einer verzerrt Nietzscheanisch anmutenden, naturalistischen Weltanschauung, nach der qua Natur alles gleichgültig ist und nur der eigene Lustgewinn zählt. Aber die Frage von Gut und Böse, von Moral und Amoral spielt in der Epsteinaffäre gar keine Rolle, sie kommt nicht vor. Es bleibt nur das nonchalante, selbstverständliche Verhältnis zur eigenen Unmenschlichkeit.
Wir finden in einem anderen Werk von Arendt, in den Elementen und Ursprünge totaler Herrschaft, andere Hinweise darauf, wie man sich die Epstein Files verständlich machen kann. Nach Arendt ersetzen wir im 19. Jahrhundert den Begriff der Sünde durch den des Lasters. Das schulden wir vielleicht dem, was Nietzsche den Tod Gottes nannte: das Verschwinden von Gott und Religion als transzendente Garanten von Güte. Die ursprüngliche Bedeutung von „Sünde“ ist Trennung: Das Getrenntsein von Gott verstanden als absolute Moral. Das Laster ist bloß eine schlechte Gewohnheit, ein Charakterfehler. Erst die Enttranszendierung des Bösen, die Trivialisierung des Bruchs der göttlichen Ordnung zur bloßen Marotte ermöglichte seine Karriere im Zeitalter der Extreme. Erst das, so Arendt, ermöglichte die Katastrophen des 19. und 20. Jahrhunderts. In den Epstein Files sehen wir, wie eine globale Elite die schwersten Sünden bloß als Laster behandelt, das man verschmitzt weglächeln kann.
Können wir überhaupt etwas aus den Epstein Files lernen? Wenn wir etwas lernen können, dann nur Abgedroschenes: das wahrhaft Böse existiert. Gerechtigkeit wird es auch hier nicht geben. Das wussten wir doch alles vorher schon, wir wurden nur noch einmal daran erinnert. Was bleibt, ist vielleicht nur die Erinnerung hieran: das tiefste Böse ist weder dämonisch noch banal, es ist schulterzuckend nonchalant. •
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