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Bild: ©Frank Eidel

Gespräch

Florian Schroeder: „Wir leben in einer Schamgesellschaft“

Florian Schroeder, im Interview mit Christoph David Piorkowski veröffentlicht am 20 März 2026 15 min

Der Satiriker Florian Schroeder hat ein Buch über den zeitgenössischen Glücksterror geschrieben. Im Interview spricht er über die Untiefen der kulturindustriellen Glücksmärkte, LSD-Retreats und Kuschelseminare, die „Ideologie des Positiven“ als Grundlage des Rechtslibertarismus und darüber, dass Glück nicht erstrebenswert ist.

Herr Schroeder, Sie erklären, ein glückliches Leben wäre Ihre persönliche Hölle. Wieso das?

Weil ein glückliches Leben ein hohles Leben ist. Ein Leben ohne Widerstände. Ohne Negativität. Auch ohne jede Form von Entwicklung. Stagnation in einer permanenten Pseudoharmonie. Ein letztlich unaushaltbarer Zustand.

Was hat Sie dazu bewogen, ein Buch über Glück und Unglück zu schreiben?

Die Tatsache, dass es augenblicklich nur positive Bücher übers Glück gibt – also die ganzen Bahnhofsbuchhandlungs-Ratgeber, diese „Simplify your Life“-Pest, die so leicht daherkommt, aber eigentlich eine knallharte Politik verfolgt: „Du musst hart an dir arbeiten, damit du deines Glückes würdig wirst.“ Welch ein idiotischer Gedanke. Dahinter steckt ein Programm, das sagt: Nur wer ein glücklicher Mensch ist, ist ein guter Mensch. Oder im Umkehrschluss: Wer unglücklich ist, muss wohl ein schlechter Mensch sein. Er hat es also nicht anders verdient, als dass es ihm schlecht geht. Damit sind wir schon nah an diesem Karma-Geschwätz halbgebildeter Buddhismus-Schwadroneuere, die nicht einmal wissen, wie man den Dalai Lama richtig schreibt. Indem wir das glückliche Leben zum Selbstzweck und zur Voraussetzung überhaupt des Lebens ernannt haben, machen wir aus dem sowieso schon problematischen Recht, glücklich zu sein ein Gebot, glücklich zu sein. Gebot klingt harmloser, als es ist, denn es sagt: Du bist der Schöpfer deines Glücks. Du allein musst dafür sorgen, dass du es findest. Das ist dann eine Art gesellschaftliche Zwangsneurose.

Der steinige Weg selbstoptimierender Glücksarbeit führt demnach in die Irre. Warum ist das mühselig erworbene Glück notwendig freudlos?

Was soll das für ein Glück sein, das erst einmal fordert, dass du hart und streng zu dir bist? Warum soll dieses Glück plötzlich paradiesisch sein, wenn seine Bedingungen Leid und Bürde sind? Schon die Prämisse ist so grässlich falsch. Und warum soll sich das Glück überhaupt anstreben lassen? Warum sollte es sich zwingen lassen, zu erscheinen? Bei diesem Thema zeigt sich, wie engstirnig wir im westlichen Denken noch immer in Resultaten denken, die sich erreichen lassen wie Punkte in einer Klausur, wenn man nur fleißig genug auswendig gelernt hat.

Trotz häufig struktureller Gründe werden die Subjekte für das Scheitern ihrer glücksritterlichen Ambitionen oft individuell verantwortlich gemacht. Sie schreiben, „Scham“ sei die „dunkle Seite des Glücks“.

Wie leben in einer Schamgesellschaft, deren Auswirkungen auf die Menschen noch nicht ausreichend beachtet werden. Wenn die Prämisse ist, dass Sie glücklich sein müssen, um ein gutes Leben zu führen, bedeutet das im Umkehrschluss, dass Sie beim Ausbleiben des Glücklichseins als gescheitert gelten. Diese Wahrnehmung ist in der Regel von Scham begleitet, zumal wenn Sie das Gefühl haben, dass alle anderen das mit dem Glücklichsein auf die Reihe kriegen, während Sie zu faul oder zu nachlässig sind. Entweder Sie schämen sich selbst, oder Sie werden von anderen beschämt, die im permanenten Vergleich mit Ihnen, nicht zuletzt auf Social Media, den Eindruck vermitteln, sie würden ein glückliches Leben führen. Der Psychoanalytiker Leon Wurmseer sagt: Scham ist Verachtung für sich selbst. Dann ist Fremdscham Verachtung für die anderen.

Aristoteles hat das gute Leben zur Voraussetzung des glücklichen gemacht. Sie monieren, dass die populärbelletristischen Glücksveräußerer der Gegenwart oft das glückliche Leben zur Voraussetzung des guten machen.

Ja, eine logische Dummheit sondergleichen. Wenn es mich glücklich machen würde, Leute umzubringen, wäre der Massenmord demnach die Voraussetzung des guten Lebens. Aristoteles nannte den Zustand vollendeten Glücks eudaimonia, was am ehesten mit Glückseligkeit zu übersetzen wäre. Im Unterschied zu unserem heutigen Verständnis geht es hier gerade nicht um einzelne Glücksmomente, „denn wie eine Schwalbe und ein Tag noch keinen Sommer macht, so macht auch ein Tag oder eine kurze Zeit noch niemanden glücklich und selig“, schreibt er. In der Glückseligkeit erlebt der Mensch nun das, was Aristoteles Selbstgenügsamkeit nennt. Also ein Leben, das weder fliehend von etwas weg, noch zwanghaft zu etwas hindrängen muss. Darum stellt sich diese Glückseligkeit ja auch ein, sie kommt zu uns, nicht wir zu ihr.

Sie haben sich für die Recherche zu ihrem Buch Happy End in die Untiefen der kulturindustriellen Glücksmärkte begeben, zu Coaching-Seminaren und Esoterik-Messen. Was ist Ihr Erkenntnisgewinn?

Dass es einen ganzen Strauß fehlgeleiteter Formen des Glücksversprechens gibt. Und dass sich auf dem hoch lukrativen Glücksmarkt oft Leute tummeln, die ganz genau wissen, dass die Verheißung, die sie in Aussicht stellen, nicht eintreten wird. Insbesondere das Life-Coaching und vieles, was in Richtung Esoterik geht, ist meistens perfide Geschäftemacherei. Natürlich gibt es auch Angebote, die für Einzelne sinnstiftend sein mögen. Bei mir war das zum Beispiel das LSD-Retreat. Ich habe in meiner Recherche versucht, zwischen Angeboten zu unterscheiden, die sich konkret an Individuen orientieren und solchen, die diesen unterschiedslos ein allgemeines Programm überstülpen wollen und formel – und floskelhaft den immer gleichen Sermon von sich geben, oft über Jahrzehnte.

Was haben Sie beim LSD-Retreat erlebt?

Es war so, als hätte ich eine Reise an einen Ort gemacht, an dem ich ein kleines Kind war. Man hat auf einmal Züge eines Kleinkindes, weil sich Verbindungen im Gehirn wiederherstellen, die das kindlich-Überraschte und Staunende in den Vordergrund stellen. Es ist eine Art Fragmentierung der eigenen Festplatte, wenn man es etwas technisch formulieren will. Das ist schon eine intensive Reise zu sich selbst.

„Reise zu sich selbst“ – klingt ein bisschen klischeehaft. Können Sie das näher ausführen?

Zunächst einmal ist LSD eine nicht-toxische Substanz, sie macht nicht abhängig. Psychedelische Stoffe führen Menschen zu sich, nicht weg ins Außen, wie Kokain oder Speed. Ein Trip dauert, je nach Dosierung, acht bis zwölf Stunden. Er bietet eine völlige Auflösung der Linearität, ja des Zeitgefühls, eine Loslösung aus allem, was die Welt ansonsten ausmacht. Das ist schon viel wert, wenn Sie einmal zwölf Stunden nicht in der Lage sind, die Eilmeldungen auf Spiegel-Online zu lesen.

Der Trip teilt sich in drei Phasen. In der ersten kann man meist nur liegen, mit Augenmaske und – im besten Falle – intensivierender Musik. In der zweiten Phase gibt es Leute, die lachen, andere laufen herum und genießen die intensiven Farben der Natur. Die eigentliche entscheidende Phase ist die dritte: dann, wenn man sich schon fast wieder dem Come down nähert. Dann nämlich kommen die eigentlich tiefen Themen. In meinem Fall die Angst, ein Lebensthema von mir. Plötzlich war da wieder dieses Gefühl der Haltlosigkeit. Nun konnte ich das für mich einordnen, auch deshalb, weil ich mich schon lange damit beschäftigt hatte. Ansonsten wäre es wahrscheinlich der Beginn einer intensiveren Beschäftigung damit gewesen. Seitdem merke ich viel bewusster, wo im Alltag ich noch immer einem gewissen Angstsystem verpflichtet bin und kann damit reflektierter umgehen als vorher. Das Entscheidende bleiben Set und Setting: die Umgebung und die Leute, mit denen man ein solches Experiment macht. Und es braucht eine ausreichend große Zahl an erfahrenen Tripsittern, die das Ganze begleiten. Man sollte das Ganze nie auf eigene Faust machen. 

Absolute Resonanz lässt sich nicht auf Dauer stellen. Auch können wir nicht jeden Tag LSD nehmen. Sind Erfahrungen des Trips in den Alltag überführbar?

Ja, das würde ich schon so sehen, insbesondere, wenn man sie danach gut integriert. Mit Blick auf den Alltag sind wir auch schnell in der politischen Dimension des LSD: ohne LSD kein Internet, ohne LSD kein Social Media. Douglas Rushkoff hat das einmal schön zusammengefasst: Anfang der 1990er-Jahre waren die Grenzen zwischen der psychedelischen Kultur und der Welt der Programmierer fließend. Die Softwareentwickler, die tagsüber den Code für Apple schrieben, experimentierten nach Feierabend mit psychedelischen Substanzen und waren die ganze Nacht high. Bis heute ist LSD-Microdosing dort – wie auch in vielen anderen sogenannten Kreativbranchen – an der Tagesordnung. Der Tech-Manager heute zeigt mit dem Konsum von Psychedelika, dass er bereit ist, sich und damit die ganze Welt neu zu formatieren – das nennt man dann digitale Revolution.

Das Internet ist also ein bisschen wie ein Retreat. Das Setting ist das Entscheidende, also der Ort, an dem man den Trip erlebt und die Leute, mit denen man ihn erlebt. Das Internet begann in einem kollektiven und kreativen Setting. Als es zu einem Geschäft wurde, ziemlich genau um das Jahr 1996, als der erste Browser namens Netscape an die Börse gegangen war, wechselte das Setting zu Kontrolle und Überwachung.

Ein lukratives Geschäft sind auch die von Ihnen besuchten Coaching-Seminare. Sie beschreiben das Ethos der Coaching-Szene als protofaschistische Feier der Härte, als ein Weltbild, das Menschen in Macher auf der einen, und Loser auf der anderen Seite unterteilt. Bei wem verfängt dieser einschlägige Wer-aus-der-Krise-nichts-gewinnt-ist-selbst-Schuld-Diskurs?

Bei mehr Leuten als man meint. Wir waren 900 Menschen dort, aus unterschiedlichen Schichten, das sind längst keine elitären Veranstaltungen mehr, die sich bloß an irgendwelche Manager richten. Solche Formate werden von ganz durchschnittlichen, normalen Personen besucht, was ich als Zeichen einer vielfach verunsicherten Gesellschaft deute. Den Leuten wird von Beginn an eine Schuld aufgebürdet, nach dem Motto: Dort, wo ihr euch aktuell in eurem Leben befindet, seid ihr falsch. Alles, was ihr jetzt lebt, steht im Zeichen des Opfers, beschrieben fast wie ein vorbewusster Zustand. Nur durch dieses Coaching kann sich das ändern. Die Message zu Beginn ist: „Das, was du bist, das bist du nicht.“ Kurz: So, wie du bist, bist du ungenügend. Damit arbeitet die Szene mit den beiden entscheidenden Begriffen der narzisstischen Kultur: Grandiosität („Ich bin der Größte!“) und Entwertung („Ich kann gar nichts!“) Zunächst wird den Teilnehmenden suggeriert, sie seien – oder machten sich – zum Opfer. Durchs Coaching sollen sie eine neue Identität annehmen: das Macher-Ich – die grandiose Seite.  Da das aber in einem mehrtägigen Workshop schlicht nicht möglich ist, müssen sie wiederkommen und immer mehr Geld bezahlen. So steigen sie in der Hierarchie auf. Das ist das sektenhafte Moment dieser Coachings.

Mit der Soziologin Eva Illouz kritisieren Sie nicht nur das Dogma „Du bist schuld!“, sondern auch dessen Kontrapart „Die Umstände sind schuld!“. Warum sind beide Extreme problematisch?

Beide Extreme sind ideologisch geprägt und argumentieren an der Verfasstheit des menschlichen Lebens vorbei. Die einen überhöhen die Fähigkeiten des Einzelnen und deklarieren, man könne alles schaffen, wenn man nur will. Bei den anderen werden gesellschaftliche Strukturen zu einer Art Determinismus, was den Einzelnen komplett aus der Verantwortung nimmt. Beides halte ich für falsch.

Auch der Gesundheitswahn bekommt in ihrem Buch sein Fett weg. Sie kritisieren eine privatistische „Biomoral“, die sich als umweltbewusst inszeniert, aber eigentlich ausschließlich auf Selbstoptimierung und Distinktionsdünkel aus ist. Führt die Bowl- und Porridge-Gesundheit ins Unglück?

Auch wenn Bowls ja bloß Resteküche als Lifestyle sind, essbares Lego für Erwachsene und Porridge hip gewordener Haferschleim ist, den sich unsere Großeltern in den Nachkriegsjahren reingezogen haben, um nicht jeden Tag gebratene Autoreifen zu verspeisen, soll natürlich jeder essen, was er möchte. Was ich problematisch finde, ist die säkularisierte Askese, zu der der Fokus auf gesunde Ernährung mitunter führt. Als wäre es möglich, ewig zu leben. Unglücklich macht das insofern, als man sich erstens im Hinblick auf ein fragwürdiges Ideal beschneidet, an dem man zweitens auch Gefahr läuft zu scheitern, womit wir wieder bei der Scham angelangt sind.

Apropos „säkularisierte Askese“. Sie meinen, das vermeintliche Glück werde häufig in Form von Ersatzreligionen feilgeboten.

Das ist im Verlauf meiner Buchrecherche sehr deutlich geworden. Beim Coaching etwa wird eine Art individuelle Erlösung in Aussicht gestellt. Berghain-Besuche und Taylor-Swift-Konzerte haben ebenfalls eine religiöse Anmutung, wenn auch sehr viel spielerischer als im Bereich von Coaching und Gesundheitsfetisch. Für manche Menschen wird die Ernährung durch eine Art dogmatisches Regelwerk bestimmt.  

Sie sprechen vom „Spinoza-Glück“ der Bessergestellten und konstatieren, dieses schmecke nur „nur halb so gut wie eine Bratwurst“. Können Sie das bitte erklären?

Spinoza sagt: „Die Glückseligkeit ist nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst: und wir erfreuen uns ihrer nicht, weil wir die Lüste einschränken, sondern umgekehrt, weil wir uns ihrer erfreuen, können wir die Lüste einschränken.“ Übersetzt bedeutet das: Die Tatsache, dass wir moralisch sind und uns besser fühlen als die „tumben Fettsäcke“, gibt uns das Gefühl, gute Menschen zu sein. So brauche ich den Lustgewinn nicht mehr, den mir eine Bratwurst bereitet. Weil wir den moralistischen Verzicht aber letztlich doch nicht als Glück erfahren können, wird daraus etwas anderes, nämlich Wut auf diejenigen, die sich nicht so kasteien wie wir, die sich hochverarbeitet ernähren, auf primitive Weise glücklich sind und die dann als „Assis“ mit Fremdscham bedacht werden.

Erfolgt diese Bewegung nicht auch in umgekehrter Richtung? So nach dem Motto: Das Nackensteak ist der Schutzschild des kleinen Mannes gegen eine tofuisierte Bio-Bourgeoisie?

Richtig. Und genau da liegt das Problem: Die Gesellschaft besteht aus lauter Gruppen, die sich gegenseitig im Schamwettbewerb überbieten wollen. Allenthalben geht es darum, den anderen aufgrund seiner Haltung oder seiner Lebensweise als minderwertig zu verunglimpfen. Jedenfalls kann man sich sowohl mittels des Gesunden als auch mittels des Ungesunden über andere Menschen erheben.

Selbst Sex wird heute oft auf seine gesundheitlichen Effekte abgeklopft – und zu Recht auch auf seine gewaltförmigen Aspekte. Gibt es in unserer Gesellschaft noch Domänen eines ungezwungenen Vergnügens?

Ja, sicher. Aber die Räume sind enger geworden. Das bemerken wir insbesondere in den aktuellen Debatten. Der Fall Pelicot, das Netzwerk von Jeffrey Epstein, hier zeigen sich die Abgründe vor allem männlicher Sexualität. So kommt Sex heute entweder unter dem Aspekt der Gesundheit vor: gut fürs Herz, man schläft besser nach dem Orgasmus etc. Also eine Verkürzung des Sex auf den Fitnessaspekt. Was fehlt, sind Lust, Genuss und Hingabe. Oder Sex wird als Verletzung diskutiert: also unter dem Aspekt der Gefahr, des Übergriffs und des Missbrauchs. Zugleich zeigen Umfragen, dass es gerade unter jüngeren Leuten einen neuen, mindestens latent puritanischen Zug gibt: weniger One Night Stands etc. Selbst in der sex-positiven Szene ist Awareness das entscheidende Thema. Durch die Clubs laufen vermehrt die Gelbwesten und passen auf, dass auch alles mit rechten Dingen zugeht. Kurz: Der Raum des Verdachts wird größer. Und das ist immer ein schlechtes Zeichen für die Freiheit.

Sie haben sich unter anderem in ein Kuschel-Seminar und an ein BDSM-Porno-Set begeben. Ihr Resümee: „Kuscheln und BDSM sind Ausweise einer Zeit, die Kontrolle höher bewertet als das Risiko der Freiheit“. Ist letzteres die Möglichkeitsbedingung situativer Glückserfahrung?

Wenn es Clean Eating gibt, dann muss es auch Clean Sex geben – und das ist sowohl das institutionalisierte Kuscheln, als auch BDSM. Beide scheinen ja zunächst wenig miteinander zu tun zu haben. Aber sie sind sich sehr nah. Beim Kuscheln geht es um Berührung, um Zärtlichkeit ohne Sexualität. Es ist also eine cleane, weil hochkontrollierte Angelegenheit, in der jede Berührung verbalisiert, angekündigt und abgefragt wird. Beim BDSM geht es ebenfalls um Kontrolle. Der Dom ist der eigentlich sensible Part, er muss den oder sie Sub sehr genau fühlen und seine Aktionen kontrollieren. Die Domina, die ich für mein Buch begleitet habe, beschrieb es als lustvolle Manipulation: der Sub muss am Ende Dinge tun, die er nicht tun wollte, die ihm aber gefallen. Geht es dem Sub zu weit, verbalisiert er seine Grenzen, die red flags. Er hat eigentlich die Kontrolle in diesem Spiel. BDSM und Kuscheln sind Ausdruck einer Identitätspolitik zwischen den Geschlechtern, in der Verstand, Aushandlung und explizite Zustimmung das einzig Erstrebenswerte sind.

Insofern: Ein Aspekt des Glücks ist schon das Risiko, ja. Ohne ein Wagnis einzugehen, werde ich nur schwer meine Grenzen kennenlernen können. Aber es ist keine Bedingung des Glücks, das ginge zu weit. Ich würde also schon sagen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Glück und Freiheit gibt und dass gewisse situative Glückserfahrungen nur dann möglich sind, wenn man sich selbst und die Kontrolle loslässt. Und dieses Loslassen ist ja immer ein mehr oder weniger großes Risiko, was ich im Übrigen als jemand sage, der grundsätzlich sehr risikoavers ist. Aber ja: Gewisse Glücksempfindungen sind wohl selten ohne das Unvorhersehbare zu haben.

Das klingt nach der von Hartmut Rosa konstatieren Unverfügbarkeit der Resonanz- bzw. Glückserfahrung. Je mehr man das Glück sucht bzw. einfordert, desto gewisser entzieht es sich. Warum ist das so?

Das Glück ist wie ein scheues Reh, das vom grellen Licht des entgegenkommenden Autos angeleuchtet wird. Und im Auto sitzen wir, die glücksbesoffenen durchoptimierten Raser des Lebens. Das Glück als solches, also als Ziel, ist nicht erreichbar. Glück ist ein Drittes, das sich einstellt, wenn man etwas anderes anstrebt. Es gibt diese Anekdote von Victor Frankl über ein heterosexuelles Paar, das bei ihm in Therapie gewesen ist, weil die Frau partout nicht zum Orgasmus gelangte. Und Frankl sagt, solange sie Orgasmus-Searching machen, wird dieser mit Sicherheit ausbleiben. Er wird sich erst dann einstellen, wenn sie auf etwas anderes hinsteuern, eine Situation der Intimität, ein Drittes, also ein Spiel oder einen Zustand, der sie beide erfüllt.

Wo wir wieder dabei wären, dass Glück nur momenthaft zu haben ist. Vielleicht sollte man die Analogie nicht überstrapazieren: Aber ein permanenter Orgasmus wäre unerträglich.

Absolut, genau wie permanentes Verliebtsein. Mein Projekt ist die Reduktion des Glücksbegriffs auf das intensive Erleben einzelner Momente.

Anstatt sich für unverfügbare Glücksmomente offenzuhalten, glauben nicht wenige Menschen dem kommerzialisierten (und falschen) Versprechen permanenter Glücksherstellung. Sie erklären nun, „der Terror des Positiven“ sei eine „jahrelange Vorbereitung“ auf das „Erstarken extremistischer Kräfte“ gewesen. Wie meinen Sie das?

Der obsessive Fokus auf das Positive ist Element einer Ideologie, die eine Art Omnipotenz des Einzelnen suggeriert: Du allein kannst alles schaffen. Eine völlige Überhöhung der Freiheit. Heute erleben wir den Aufschwung autoritärer Akteure wie Elon Musk und Peter Thiel, die propagieren, dass dem Einzelnen, bzw. einigen wenigen Einzelnen, absolut keine Grenzen gesetzt sein sollten: Mir gehört alles, bis hin zum Mars. Diese Ideologie ist im „positiven Denken“ gleichsam angelegt. Das Subjekt setzt sich absolut und lässt keine Zweifel, keine Negativität mehr zu. Am Ende gibt es dann nur noch die Kettensäge.

Zudem können wir bei Sympathisanten der neo-autoritären Parteien wie der AfD derzeit etwas Spannendes beobachten. Nachdem sie über so viele Jahre für ihre antiquierte Lebensweise beschämt wurden– symptomatisch das Autofahren und das Fleischessen als Kennzeichen ihrer Rückständigkeit und moralischen Verkommenheit – schlagen diese Leute jetzt zurück. 
Insbesondere die Anhänger rechtsextremer Positionen lassen sich nicht mehr einreden, dass sie gescheitert sind. Sie suchen stattdessen einen neuen Sündenbock und schließen sich als Gefühlsgemeinschaft zusammen, die ihr einziges Glück im Zerstören sieht – mit einer Lust an Grausamkeit und Gewalt. Das magische Moment des Faschismus ist, dass er „ein Gefühl des Ungenügens und des Mangels in Größe umwandelt,“ wie es Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger so treffend formuliert haben. Und genau das suggeriert doch die Life Coaching-Welt.

Meinen Sie, dass das jahrzehntelange neoliberale Freiheits- und Selbstverwirklichungsgerede die diskursive Basis für den Aufschwung der libertären Tech-Faschisten darstellt?

Ich würde den Neoliberalismus und den Rechtslibertarismus zwar voneinander trennen wollen. Dennoch würde ich das neoliberale Denken als dessen Vorspiel begreifen. Aber ideengeschichtlich gibt es auch eine Verbindung zwischen der Silicon-Valley-Ideologie und dem Individualismus der 68er. Die libertären Ideologen fordern wie die Studentenbewegung damals eine radikale Freiheit, aber lassen die sozialen Aspekte komplett außen vor.

Auch wenn „Glück für Idioten ist“, wie Sie mit Verweis auf Slavoj Žižek erwähnen – ohne wenigstens momenthaftes Glück, wäre das Leben ein trübes Geschehen. Sie stellen dem glücklichen das erfüllte Leben entgegen. Können Sie abschließend erklären, was den Unterschied ausmacht?

Ein erfülltes Leben ist eines, das momentane Glücksmomente beinhaltet, sich aber auch dem Negativen aussetzt, es als etwas Wertvolles betrachtet. Also nicht im Sinne des Coaching-Ansatzes „Krise als Chance“, der aus einer negativen Erfahrung sofort wieder Kapital schlagen möchte und dir eine Schuld aufbürdet, wenn du es nicht schaffst, aus dem Negativen, das dir widerfahren ist, etwas Positives zu gewinnen. Zur Erfüllung gehört, dass das Negative als etwas Eigenständiges wesentlich zum Leben dazugehört. Es ist nicht Mittel, sondern Zweck an sich selbst. Und vielleicht wird es dann doch für etwas gut gewesen sein. Das zeigt sich aber manchmal erst lange Zeit später. •

Florian Schroeder ist  Satiriker, Autor und Bestsellerautor. Jüngst erschien von ihm „Happy End. Warum Du ohne Glück glücklicher bist“ bei dtv. 

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